Praxis-Skript · Weinbau, Kellerwirtschaft & Weinrecht

Vom Rebstock zum Glas

Ein kompaktes Nachschlagewerk auf Sommelier-Niveau: was im Weinberg passiert, was das im Glas bedeutet, und wie man beides am Tisch erklärt. Zusammengestellt aus einer Geisenheimer Weinbau-Vorlesung, WSET-Level-3-Stoff und den Herkunfts- und Rechtsfragen, die im Gastronomie-Alltag tatsächlich auftauchen.

6 Teile Illustriert Abgeglichen mit Vorlesung Löhnertz 2026 Glossar am Ende Für den Service-Alltag & die Weinkarte
A
Teil A

Im Weinberg

A1

Der Jahreszyklus der Rebe

Zwischen der Anlage der Blütenknospen und der Ernte liegen rund 16 Monate. Wer diesen Zyklus kennt, versteht auch, warum ein Jahrgang gut oder schwierig wird.

Wachstumsfaktoren
  • Sonne: mindestens 1.300 bis 1.800 Sonnenstunden im Jahr (Eisenstadt 2024: rund 2.200)
  • Wärme: Jahresmittel über 8 °C, Blüte ab 15 °C, frostfreie Zeit
  • Wasser: 400 bis 800 mm Regen im Jahr
  • CO₂ aus der Luft, Nährstoffe aus dem Boden
  • Photosynthese: aus Licht, Wasser und CO₂ wird Zucker
  • Sonneneinstrahlung: mind. 1.300 bis 1.800 Sonnenstunden pro Jahr (Eisenstadt 2024: rund 2.200)
  • Wärme: Jahresmittel über 8 °C, Blüte mind. 15 °C, Temperatur in der Reifephase, frostfreie Zeit
  • Wasser: 400 bis 800 mm Jahresniederschlag
  • CO₂: aus der Luft, Rohstoff der Photosynthese
  • Nährstoffe: Makroelemente N, P, K, Ca, Mg, S; Mikroelemente Fe, Zn, Cu, Mn, B, Mo
  • Photosynthese: 6 CO₂ + 12 H₂O + Licht → C₆H₁₂O₆ + 6 O₂ + 6 H₂O
  • Strahlung: Schwelle 1.300 bis 1.800 Sonnenstunden pro Jahr (Eisenstadt 2024: rund 2.200)
  • Wärme: Jahresmittel über 8 °C, Blüte mind. 15 °C, Reifephasentemperatur, frostfreie Periode
  • Wasser: 400 bis 800 mm, entscheidend ist die Verteilung übers Jahr (siehe A4)
  • CO₂ und Mineralstoffe: Makroelemente N, P, K, Ca, Mg, S; Mikroelemente Fe, Zn, Cu, Mn, B, Mo
  • Photosynthese in den Chloroplasten: 6 CO₂ + 12 H₂O + Licht → C₆H₁₂O₆ + 6 O₂ + 6 H₂O
  • Assimilat-Verteilung zwischen Trieb, Wurzel, Reservestoffen und Traube (Source-Sink, siehe A6) steuert Ertrag und Reife
  • Winterruhe (Dormanz): ab September, gesteuert über die Tageslänge. Kein oberirdisches Wachstum, die Rebe lebt von eingelagerten Kohlenhydraten. Nur Kältereiz oder Wasserstress brechen die Ruhe; danach reicht etwa eine Woche über 10 °C für den Austrieb.
  • Austrieb bis Blüte: Triebwachstum ab rund 10 °C, Photosynthese optimal bei 20 bis 28 °C. Blüte: unter 15 °C öffnen sich die Staubblätter kaum, über 32 °C stockt das Pollenschlauchwachstum. Regen wäscht Pollen ab oder verklebt die Käppchen: Verrieselung (siehe A8).
  • Véraison (Farbumschlag): 40 bis 60 Tage nach der Blüte werden die Beeren weich und färben sich. Der Stoffwechsel kippt von Zellteilung auf Zucker- und Aromaeinlagerung, Säure wird abgebaut.
  • Reifephase: Zucker steigt, Säure sinkt, Tannine und Aromen wandeln sich bis zur Lesereife. Dauer je nach Sorte und Klima 4 Wochen (Frühburgunder) bis 10 Wochen (Riesling).
Wärmeschwellen im Überblick
VorgangMinimumOptimumMaximum
Wurzelwachstum6–10 °C Boden——
Triebwachstum10 °C28–30 °C—
Blüte15 °C—32 °C (Pollenschlauch gehemmt)
Photosynthese—20–28 °C45 °C
Aroma- & Farbstoffbildung—17–25 °Ckaum noch ab 25 °C
16 Monate Dormanz · ~40 % Austrieb · ~20 % Blüte · ~5 % Véraison · ~10 % Reife & Lese · ~25 %
Anteile ungefähr, zur Orientierung: der Jahreszyklus der Rebe dauert von der Anlage der Blütenknospen bis zur Ernte rund 16 Monate, siehe die Beschreibung oben für Details zu jeder Phase.

Wärmeschwellen zum Durchspielen

Regler bewegen und sehen, welche Prozesse bei welcher Temperatur laufen.

22 °CLufttemperatur

A2

Rebe, Sorte & Unterlage

Fast jede Rebe in Europa steht auf fremden Wurzeln. Warum das so ist, erklärt gleichzeitig, warum es ohne Pflanzenschutz keinen Weinbau gibt und was „autochthon“ wirklich bedeutet.

Draht 3 Draht 2 Biegedraht Diesjähriger Trieb grün, trägt Blätter, Trauben, Ranken Geiztrieb Seitentrieb aus der Blattachsel Winterauge trägt die Anlage für nächstes Jahr Bogrebe (Fruchtrute) einjähriges Holz, beim Schnitt gebogen Traube Stamm Veredelungsstelle Wurzeln der Unterlage amerikanische Art, reblaustolerant Edelreis = europäische Sorte alles oberhalb der Veredelung
Der gepfropfte Rebstock: Unterhalb der Veredelungsstelle wurzelt die amerikanische Unterlage, oberhalb wächst die europäische Sorte. Der Ertrag hängt an den einjährigen Bogreben, deren Winteraugen beim Rebschnitt gezählt werden.
  • Gattung Vitis: rund 80 Arten, je etwa 40 in Amerika und in Asien
  • Edelrebe Vitis vinifera ssp. sativa: eine einzige Art mit rund 10.000 Sorten
  • Konzentration: 13 Sorten decken mehr als ein Drittel der Weltrebfläche ab, 33 Sorten die Hälfte
Die internationalen Sorten (OIV, Fläche 2015)
SorteFlächeVerbreitungMerkmal
Cabernet Sauvignon5 % der Weltflächemeistangebaute Sorte weltweitCabernet Franc × Sauvignon Blanc, spät reifend, kleine Beeren, viel Tannin
Merlot266.000 ha37 Länderfrüh treibend, neigt in warmen Lagen zur Überreife
Tempranillo231.000 ha88 % in Spanienfrüh reifend, kurzer Zyklus, trockenheitsempfindlich
Airén218.000 hafast nur La Mancha, 22 % der spanischen FlächeMassenträger, niedrige Stockdichte, viel für Brandy
Chardonnay210.000 ha41 LänderPinot × Gouais Blanc, spät treibend, früh reif
Syrah190.000 ha31 LänderMondeuse Blanche × Dureza, tanninreich, chloroseanfällig
Merke
  • Autochthon = die Sorte ist dort entstanden, wo sie wächst
  • Riesling in Deutschland: autochthon. Chardonnay in Deutschland: nicht
  • Primitivo (Apulien) und Zinfandel (Kalifornien) sind dieselbe Sorte, nur in einem Fall autochthon
  • Autochthon (griechisch: bodenständig): in der Biozönose ihres Standorts selbst entstanden; Gegenteil allochthon
  • Riesling in Deutschland autochthon, Chardonnay allochthon
  • Primitivo und Zinfandel genetisch identisch, Ursprung ist der kroatische Crljenak Kaštelanski
  • Autochthon meint Entstehung am Fundort, nicht bloß lange Anbautradition; im Marketing oft zu großzügig verwendet
  • Sortenentstehung: Mutation (Pinot-Familie), Kreuzung innerhalb der Art (Cabernet Sauvignon = Cabernet Franc × Sauvignon Blanc; Chardonnay = Pinot × Gouais Blanc; Syrah = Mondeuse Blanche × Dureza), Artkreuzung seit der Reblauskrise (Hybriden, PIWI), Gentechnik, CRISPR/Cas
  • Selbstbestäuber: die Rebe kreuzt sich nur zufällig oder gezielt
  • Ampelographie (Sortenbestimmung): morphologisch (Blatt, Beere, Triebspitze), physiologisch (Austrieb, Reife, Resistenzen), biochemisch (DNA-Fragmentmuster)

Drei Einwanderer aus Nordamerika haben den europäischen Weinbau im 19. Jahrhundert umgebaut. Vitis vinifera hat gegen keinen eine natürliche Widerstandskraft:

  • Echter Mehltau (Oidium)
  • Falscher Mehltau (Peronospora)
  • Reblaus (Phylloxera)
  • Folge: kein Weinbau ohne Pflanzenschutz; Ausnahme amerikanische Arten und mit Einschränkungen PIWI-Sorten mit eingekreuzten Resistenzgenen
Reblauskrise
  • 1863: mit amerikanischen Rebstöcken über London nach Südfrankreich eingeschleppt
  • Bis 1885: rund 2,5 Millionen Hektar allein in Frankreich zerstört
  • Lösung: europäische Sorten auf amerikanische Wurzeln pfropfen, die die Laus vertragen
  • Reblaus (Daktulosphaira vitifoliae), ab 1863 über London nach Südfrankreich eingeschleppt
  • 1865 bis 1885: rund 2,5 Millionen Hektar in Frankreich vernichtet
  • Staatliche Kommission (Dumas, später Pasteur) setzte auf Chemie und scheiterte
  • Lösung aus Montpellier (Planchon): Edelreiser auf reblaustolerante amerikanische Unterlagen pfropfen
  • Biologie: Zwerglaus mit Blatt- und Wurzelgenerationen; auf V. vinifera schädigen die Wurzelformen, die Saugstellen (Nodositäten, Tuberositäten) verfaulen
  • 1863 bis 1885: rund 2,5 Millionen Hektar in Frankreich verloren, auf Flächen, die um 1850 nach der Oidium-Krise gerade mit amerikanischem Material neu bepflanzt worden waren
  • Pfropfung auf amerikanische Unterlagen (Planchon, Montpellier) bis heute die einzige praktikable Lösung
  • Wurzelecht nur noch in wenigen Gebieten: Chile, Sandböden (Colares, Teile von Washington State)
Wichtige Unterlagssorten und was sie leisten
UnterlageKreuzungWuchsKalktoleranzEinsatz
Kober 5 BBV. berlandieri × V. ripariastarkhochArme, kalkreiche Böden, in Österreich die häufigste Unterlage
SO 4 (Selektion Oppenheim 4)V. berlandieri × V. ripariastarkmittelEnger Stand, chlorosegefährdete Böden
Kober 125 AAV. berlandieri × V. ripariastarkmittelMittlere Böden und Standweiten
Teleki 5 CV. berlandieri × V. ripariamittelmittelMittlere, trockene Böden
Teleki 8 BV. berlandieri × V. ripariamittelhochKalkböden
3309 CoudercV. riparia × V. rupestrisschwachgeringNur kalkarme, gute Böden, bremst den Wuchs (Qualitätsunterlage)
26 G (Geisenheim)Trollinger × V. ripariamittelmittelSelten, da selbst reblausanfällig

Was die Unterlage leistet

  • Reblausschutz (biologisch, ohne Chemie)
  • Anpassung an Kalk, Trockenheit, Bodentyp
  • Wuchs steuern: stark (5 BB) für arme Böden, schwach (3309 C) für Qualitätslagen
  • Fruchtbarkeit und Bewurzelung verbessern
  • Inhaltsstoffe: berlandieri-Abkömmlinge nehmen deutlich mehr Stickstoff auf als riparia, das verändert Reife und Aromatik der Edelsorte

Nachteile

  • Höherer Wasserverbrauch
  • Teure Vermehrung (Pfropfrebe statt Steckling)
  • Virosen werden durch die vegetative Vermehrung übertragen
  • Mehr Arbeit bei Pflanzung und Pflege
  • Merke: Sorte × Unterlage × Standort ist eine weinbauliche Entscheidung, keine Formalität
  • Weinbaugürtel: 30 bis 50° Nord und 30 bis 40° Süd
  • Tropen (z. B. Thailand): keine Winterruhe, Rebschnitt erzwingt zweimal pro Jahr den Austrieb, zwei Ernten im Jahr
A3

Klima & Lage

  • Klimaindizes (Huglin, Winkler): Temperatursummen der Vegetationsperiode, teilen Anbaugebiete in Wärmezonen
  • Kühle Zonen: Riesling, Müller-Thurgau. Heiße Zonen: Grenache, Carignan, Syrah
Merke

Fern vom Meer: kalte Winter, heiße kurze Sommer, starke Jahrgangsschwankung. Am Meer: Wasser gleicht Temperaturen aus, gleichmäßige Jahrgänge.

Ein kontinentales Klima (kurze Vegetationsperiode, Frühjahrsfrost-Risiko, unsichere Herbstwitterung) erzeugt deutlich mehr Jahrgangsschwankung als ein ausgleichendes maritimes Klima, in dem das Meer Extreme abpuffert.

  • Kontinentalität erhöht die Jahrgangsvarianz über drei Kanäle: Spätfrostrisiko (früher Temperaturanstieg), kürzere Vegetationsperiode relativ zum Wärmebedarf der Sorte, unsichere Herbstwitterung zur Lese
  • Maritime Lagen puffern über die hohe Wärmekapazität des Wassers

Zwei Beispiele, wie Lage Stilistik erzwingt statt nur zu begünstigen:

  • Humboldtstrom, Chile: Der kalte, nordwärts fließende Strom kühlt die Küstenluft und erzeugt morgendlichen Nebel. Das macht Casablanca und Leyda trotz Chiles insgesamt warmem Breitengrad zu kühlen, für Sauvignon Blanc und Pinot Noir geeigneten Lagen.
  • Washington State, USA: Die trockenen, sandigen Böden östlich der Kaskaden haben sich für Reblaus (Phylloxera) als ungeeigneter Lebensraum erwiesen, viele Reben stehen dort bis heute wurzelecht statt gepfropft.

Klimawandel verschiebt vier Dinge gleichzeitig: Phänologie (früherer Austrieb, mehr Spätfrostrisiko), Sorteneignung, Inhaltsstoffe (mehr Zucker, weniger Säure) und Wasserbedarf. Deshalb ist er das zentrale Anpassungsthema im Weinbau.

A4

Boden & Wasserhaushalt

Merke

Ein bisschen Wassermangel ist gut: weniger Blattwachstum, mehr Farbe, Gerbstoff und Aroma. Erst zu starker oder zu langer Mangel schadet.

Eine Rebe, die leicht unter moderatem Wassermangel steht, investiert weniger Energie ins Blattwachstum und mehr in Farb-, Tannin- und Aromabildung. Erst echter, dauerhafter Trockenstress schadet der Qualität.

Moderater Wasserstress verschiebt die Kohlenhydratallokation weg vom vegetativen Wachstum hin zur Frucht: geringeres Blattflächenwachstum bremst die Beschattung und begünstigt Anthocyan- und Tanninsynthese. Prolongierter Trockenstress dagegen limitiert die Photosynthese und damit Zucker- und Aromabildung.

Permanenter Welkepunkt
Bodenwassergehalt, ab dem die Rebe nur noch nicht nutzbares Totwasser vorfindet
Feldkapazität
Wassermenge, die der Boden gegen die Schwerkraft halten kann
Nutzbare Feldkapazität
Differenz aus beiden: das Wasser, das die Rebe wirklich bekommt
  • Vulkanböden (Asche, Bims, Lava, z. B. Santorini): speichern Wasser schlecht, stressen die Rebe, ergeben mineralische, salzige Weiße mit hoher Säure
  • Kiesige, tiefgründige Lehmböden: speichern viel Winterregen, puffern trockene Sommer, ideal für kräftige Rote mit verlässlicher Reife
  • Verteilung schlägt Menge: in Maule (secano interior) und Itata fallen 600 bis 1.200 mm fast nur im Winter und laden den Boden auf; alte, kopferzogene País-, Cinsault- und Carignan-Reben kommen so ohne Bewässerung durch den Sommer
A5

Erziehung & Rebschnitt

Die Erziehungsform entscheidet über Belichtung, Durchlüftung und Mechanisierbarkeit, und damit indirekt über Stil und Preis eines Weins. Eine Auswahl der wichtigsten Systeme:

Erziehungssysteme im Vergleich
SystemPrinzipStärkenSchwächen
Flachbogen / Guyot1–2 Fruchtruten, jährlich neu gebogenFlexibel, für viele Sorten geeignetArbeitsintensiv (Biegen, Heften)
Kordon (Zapfenschnitt)Dauerhafter Armstamm, jährlich nur ZapfenBis zu 90 % weniger Schnittzeit, hoher Altholzanteil, gute FrosthärteKompaktere Trauben, höheres Botrytisrisiko, ungeeignet für Sorten mit unfruchtbaren Basalaugen (Trollinger, Muskateller)
Pergola (Alto Adige)Weit ausladendes Dach, hangaufwärtsSehr hohe, konstante Erträge, gute BelichtungKaum mechanisierbar, teure Installation
GDC (Geneva Double Curtain)Laubwand in zwei hängende Vorhänge geteiltVollmechanisierbar, sehr gute BelichtungNur für hängend wachsende Sorten
MinimalschnittRebe wächst weitgehend ungeschnitten als HeckeStarke Arbeitszeitersparnis, kleinbeerig, wenig BotrytisErträge schwer kalkulierbar, braucht sonst Ertragskorrektur
Kurz gesagt
  • Guyot: die flexible Handarbeits-Erziehung
  • Kordon: spart am meisten Zeit
  • Pergola und GDC: auf hohen, mechanisierten Ertrag ausgelegt
  • Minimalschnitt: am wenigsten Arbeit, dafür schwankende Erntemenge
  • Die Erziehungsform ist immer ein Kompromiss zwischen Arbeitsaufwand, Mechanisierbarkeit, Belichtung der Trauben und Krankheitsdruck.
  • Es gibt kein System, das in allen vier Punkten gleichzeitig gewinnt.
  • Guyot: maximale Flexibilität pro Sorte, dafür hoher Handarbeitsanteil
  • Kordon: maximale Zeitersparnis, dafür erhöhtes Botrytisrisiko durch kompaktere Trauben
  • GDC: maximale Belichtung pro Flächeneinheit durch geteilte Laubwand
  • Minimalschnitt: maximale Arbeitszeitersparnis, dafür geringere Ertragsplanbarkeit
  • Über die Wahl entscheiden meist Betriebsgröße und Lohnkosten, nicht der reine Weinstil.
  • Anschnitthöhe: Sorten mit geringer Augenfruchtbarkeit an der Basis (Trollinger, Muskateller, Portugieser, Traminer) brauchen lange Fruchtruten statt Kordon.
  • Schnittreihenfolge: zuerst die frostempfindlichen Riesling, Traminer, Chardonnay, zuletzt Müller-Thurgau, Silvaner, Dornfelder.
Guyot / Flachbogen 1 bis 2 Ruten, jährlich gebogen Kordon (Zapfenschnitt) Dauerarm, Zapfen mit 2 Augen Gobelet / Buschrebe frei stehend, Alberello im Süden Pergola Laubdach, Trauben darunter GDC (Double Curtain) zwei hängende Laubvorhänge Minimalschnitt Hecke, maschinell gekappt
Dunkel: mehrjähriges Holz (Stamm, Kordonarm, gebogene Rute), grün: diesjährige Triebe. Je mehr Dauerholz ein System hat, desto weniger Handarbeit im Winter, desto kompakter aber oft die Trauben.
A6

Ertragsregulierung & Laubwandmanagement

Zwei Werkzeuge, die oft verwechselt werden: Winterschnitt legt die maximale Augenzahl und damit den Ertragsrahmen fest, lange bevor der Austrieb beginnt. Grün-Lese (Ausdünnen) korrigiert dagegen mitten in der Saison, sobald die tatsächliche Traubenmenge sichtbar ist, meist zwischen Erbsengröße und Traubenschluss.

Entblätterung in der Traubenzone ist das wirksamste Werkzeug, um Aromatik gezielt zu steuern; der Zeitpunkt entscheidet über die Richtung:

  • Früh (vor oder kurz nach der Blüte): stärkere Abhärtung der Beerenhaut, lockerere Trauben, deutlich weniger Botrytis, aber auch geringerer Ertrag.
  • Kurz vor Traubenschluss: guter Zeitpunkt für Pflanzenschutz, größere Sonnenbrandgefahr.
  • Spät (Reifebeginn): kaum noch empfohlen, weniger Abhärtung, teils Mostgewichtsverluste.
Source und Sink
  • Source = Blätter, die Zucker produzieren. Sink = Triebspitze, Wurzel, Traube und Holz, die ihn verbrauchen
  • Triebspitze kappen (Gipfeln): mehr Zucker in Blüte und Traube
  • Trauben wegschneiden: stärkt Trieb, Reserven und Frosthärte
  • Blatt exportiert Assimilate erst ab etwa einem Drittel seiner Endgröße
  • Bis zur Blüte: Source Altholz und Blätter, Sink Triebspitze und junge Triebe
  • Blüte bis Weichwerden: Traube, Triebspitze, Wurzel und Geiztriebe konkurrieren
  • Reifephase: Traube und Holz dominieren als Sink
  • Eingriffe: Gipfeln verbessert die Befruchtung, Traubenentfernung stärkt Trieb, Reserven und Frostresistenz, Ringeln fördert das Beerenwachstum
  • Netto-Export eines Blatts ab rund 33 % der Endgröße (Freeman/Smart)
  • Austrieb bis Blüte: Source Altholz, Blätter; Sink Triebspitze, vegetative Teile
  • Blüte: Sink Gescheine plus Triebspitze
  • Blüte bis Reifebeginn: Source Blätter, Geiztriebblätter; Sink Traube, Triebspitze, Wurzel, Geiztriebe
  • Reifephase: Sink Traube, Holz, Wurzel
  • Konkurrenzpaare: Triebspitze gegen Befruchtung, Triebwachstum gegen Traube, Traube gegen Reservestoffe
  • Werkzeuge: Gipfeln (weniger Verrieselung), Ausdünnung (Reserven, Holzreife, Frostresistenz), Ringeln (größere Beeren), Entblättern, Lesetermin
Beispiel

Eine dichte, schattige Laubwand über den Trauben ist schlecht für den Wein: Die Trauben reifen langsamer, bleiben grasig-grün im Geschmack, und die Rebe trägt im nächsten Jahr weniger Trauben.

Eine dichte, beschattete Laubwand in der Traubenzone verzögert und verhindert die Reife: Zucker- und phenolische Reife hinken hinterher, unreife, grasige Methoxypyrazin-Noten bleiben erhalten, und die beschatteten Winteraugen setzen im Folgejahr weniger Blütenanlagen an, die Fruchtbarkeit der Rebe sinkt spürbar.

Starke Beschattung der Traubenzone bremst zwei Reifeprozesse gleichzeitig: Zuckereinlagerung und phenolische Reife laufen auseinander, während lichtsensitive Methoxypyrazine kaum abgebaut werden. Zusätzlich sinkt an den beschatteten Winteraugen die Zahl der angelegten Blütenanlagen, ein Effekt, der erst im Folgejahr als geringerer Ertrag sichtbar wird.

A7

Reife & Aromenbildung: die wichtigste Tabelle im ganzen Skript

Fast jede Aroma-Diskussion am Tisch („warum schmeckt der nach Stachelbeere, warum nach Paprika?“) lässt sich auf fünf Stoffgruppen zurückführen.

Stiel mit Gefäßbündeln Xylem: Wasser, Stickstoff; Phloem: Zucker, Aromen Schale (Exokarp) mit Wachsschicht Anthocyane, Tannine, Terpene, Thiol-Vorstufen Fruchtfleisch (Mesokarp) Zucker, Wein- und Apfelsäure, Kalium, Wasser Kerne (Samen) Harte, bittere Tannine, Öl; reifen von grün zu braun Gefäßnetz verkorkt nach Véraison Schale rund 10 % der Beerenmasse, Fruchtfleisch 85 %, Kerne 5 %; kleine Beeren haben mehr Schale je Saft, also mehr Farbe und Tannin.
Wo in der Beere was sitzt: Farbe und die meisten Aromen in der Schale, Zucker und Säure im Fruchtfleisch, harte Tannine in den Kernen. Deshalb entscheidet die Maischestandzeit über Farbe und Struktur eines Rotweins.
Aromastoffklassen, ihre Träger-Rebsorten und Steuerungshebel
StoffgruppeAromaeindruckLeitsortenWichtigster Hebel
MonoterpeneRiecht blumigBlumig, fruchtigBlumig-fruchtig (Linalool, Geraniol), Aroma direkt riechbar ohne UmwandlungMuskateller, Gewürztraminer, RieslingMehr Licht und wenig Wasser bringen mehr davonLichtabhängig, Wassermangel steigert den GehaltBildung ist lichtinduziert und akkumuliert v. a. in der Beerenhaut, moderater Wasserstress erhöht die Konzentration relativ zur Beerengröße
Norisoprenoide (β-Damascenon, TDN)Riecht nach reifer, tropischer Frucht, TDN riecht nach PetrolTropische Frucht / Petrol (TDN)β-Damascenon: tropische Frucht/Honig; TDN (1,1,6-Trimethyl-1,2-dihydronaphthalin): Petrol/Kerosin, typisch für gereiften RieslingRiesling (TDN), Sauvignon Blanc, ChardonnaySchatten bringt mehr Fruchtnote, volle Sonne bringt den PetroltonBeschattung fördert Damascenon, volle Belichtung fördert TDN („Petrolton“)Carotinoid-Abbauprodukte, TDN-Vorstufen entstehen unter UV-Stress bei starker Sonnenexposition, TDN selbst entsteht erst durch Säurehydrolyse während der Flaschenreifung
MethoxypyrazineRiecht grün, wie grüne PaprikaGrün, grüne PaprikaGrün, grüne Paprika, teils Spargel/frisch geschnittenes Gras, geruchsaktiv schon in extrem niedrigen Konzentrationen (ng/l-Bereich)Sauvignon Blanc, Cabernet Franc, Cabernet SauvignonLicht baut sie ab, im Schatten oder bei früher Lese bleiben sie erhaltenLicht baut sie ab, kühle Jahre und frühe Lese erhalten siePhotodegradation ab Véraison, kühle Jahrgänge mit langsamer Zuckerreife oder bewusst frühe Lese (kühle Stile) erhalten höhere Restgehalte, gezielte Entblätterung baut sie gezielt ab
Thiole (Mercaptane)Riecht nach Cassis, Passionsfrucht, GrapefruitCassis, Passionsfrucht, GrapefruitCassis, Passionsfrucht, Grapefruit, Buchsbaum; liegen in der Traube als geruchlose Cystein-Vorstufen vor und werden erst durch Hefeenzyme während der Gärung freigesetztSauvignon Blanc vor allemGute Stickstoff- und Wasserversorgung fördert sie, nimmt mit der Reife wieder abGute Stickstoff- und Wasserversorgung fördert sie, nimmt aber mit fortschreitender Reife abVorstufenbildung korreliert mit Stickstoffverfügbarkeit und moderatem Wasserangebot, die freien Vorstufen nehmen mit fortschreitender Reife wieder ab, daher oft frühere Lesetermine für ausgeprägte Thiolstile
RotundonRiecht nach schwarzem PfefferSchwarzer PfefferSchwarzer Pfeffer, geruchsaktiv bereits im ng/l-Bereich, eines der potentesten bekannten Weinaromen überhauptSyrah, Grüner VeltlinerKühle Lagen und kühle Bedingungen begünstigen die BildungKühle Lagen und Bedingungen begünstigen die BildungBildung wird durch kühlere Nächte und mäßigen Wasserstatus begünstigt, weshalb höher gelegene oder kühlere Syrah-Lagen (z. B. nördliche Rhône) ausgeprägtere Pfeffernoten zeigen als warme Standorte
Tannine (Proanthocyanidine)Schmeckt bitter und pelzig-adstringierendBitterkeit, AdstringenzBitterkeit und Adstringenz durch Bindung an Speichelproteine, Polymerisationsgrad bestimmt Härte vs. Weichheit der Texturalle Rotweinsorten, stärker: Cabernet Franc, Spätburgunder, Grenache, TempranilloEntstehen vor der Reife, reifen danach mit, Wassermangel macht sie leichter extrahierbarWerden vor Véraison gebildet, reifen danach, Wassermangel senkt den Gehalt aber verbessert die ExtrahierbarkeitBiosynthese endet weitgehend vor Véraison, danach nur noch Polymerisation/„Reifung“ der Tanninstruktur, moderater Wasserstress senkt den absoluten Gehalt leicht, verbessert aber durch dünnere, durchlässigere Beerenhäute die Extrahierbarkeit während der Maischestandzeit
AnthocyaneGeben die rote FarbeRote FarbeRote/blaue Farbpigmente, ausschließlich in der Beerenschale lokalisiert (bei den meisten Sorten, Ausnahme: Färbertrauben)alle RotweinsortenEntstehen erst nach dem Farbumschlag, kühle Nächte danach fördern viel FarbeErst nach Véraison gebildet, kühle Nächte kurz danach fördern die Bildung starkSynthese beginnt mit Véraison und wird durch hohe Lichtexposition der Trauben sowie eine große Tag-Nacht-Temperaturamplitude in den Wochen danach deutlich verstärkt, Hitzestress über etwa 35 °C kann die Synthese dagegen hemmen oder bestehende Anthocyane abbauen
Beerenreifung: Verschiebung von Säure, Aroma und Zucker (Mai–Oktober) Blüte Véraison Lese 100 75 50 25 0 40 30 20 10 0 Konzentration (relativ, %) Temperatur (°C) Mai Jun Jul Aug Sep Okt Äpfelsäure Weinsäure Methoxypyrazine (grün) Terpene & Thiole (fruchtig) Zucker/Glukose Temperatur (rechte Achse, °C) Kurvenverläufe schematisch/illustrativ, keine Messwerte einer realen Lage (Details je Aromaklasse siehe Tabelle oben).
Wie sich Säuren, Grün- und Fruchtaromen, Zucker und Temperatur schematisch über die Vegetationsperiode verschieben, mit Blüte, Véraison und Lese als Orientierungspunkten.
Vier Ebenen des Weinaromas
  • Primär: in der Traube selbst
  • Sekundär: beim Pressen und Maischen
  • Gärungsbouquet: von der Hefe
  • Reifungsbouquet: in Fass und Flasche
  • Der Weinbau beeinflusst nur die ersten beiden
  • Primäres Traubenaroma: in der unverletzten Beere
  • Sekundäres Traubenaroma: bei Mahlen, Pressen, Maischekontakt gebildet
  • Gärungsbouquet: Hefestoffwechsel
  • Reifungsbouquet: chemische Reaktionen bei der Alterung
  • Glykoside: viele Monoterpene liegen an Zucker gebunden und geruchlos vor; Enzyme (Glykosidasen) setzen sie im Keller frei
  • Linalool (Muskateller) ist ab 0,025 mg/l wahrnehmbar
  • Einteilung nach Rapp und Versini (1996): primäres Traubenaroma (unverletzte Beere), sekundäres Traubenaroma (Verarbeitung), Gärungsbouquet (Ester, höhere Alkohole, freigesetzte Thiole), Reifungsbouquet (TDN, Sotolon, oxidative Noten)
  • Gebundene Vorstufen: glykosidisch gebundene, geruchsinaktive Monoterpene in beträchtlicher Menge; Freisetzung durch Glykosidasen oder Säurehydrolyse
  • Drei Sortengruppen nach Monoterpengehalt (Wüst/Mosandl 2002)
  • Geruchsschwellen: Linalool 25 µg/l; Rotundon und Methoxypyrazine im ng/l-Bereich
  • Referenz-Fehlton: Korkton (2,4,6-Trichloranisol, TCA) mit ähnlich niedriger Schwelle
  • Phloem und Xylem: Zucker und Aromen kommen nach der Blüte über das Phloem in die Beere, Wasser und Stickstoff über das Xylem. Nach der Véraison verkorkt das Xylem zu etwa der Hälfte, ein Schutz gegen Platzen.
  • Botrytis baut Weinsäure stärker ab als Apfelsäure, edelfaule Trauben haben deshalb eine flachere, weichere Säurestruktur.
A8

Wetter, Krankheiten und andere Risiken

Häufige Ursachen für einen schwierigen Ansatz
PhänomenUrsacheFolge im Wein
Coulure (Verrieselung)Kalte, nasse oder nährstoffarme Bedingungen kurz vor/während der Blüte, Blüten fallen unbefruchtet abSehr lockere Trauben mit wenigen BeerenSehr lockere Trauben, wenige BeerenStark reduzierter Fruchtansatz, lockerbeerige Trauben, in Maßen sogar erwünscht (weniger Fäulnisrisiko), in Extremjahren aber deutlicher Mengenverlust
MillerandageUnvollständige Befruchtung nach kalter, nasser BlüteTrauben mit großen und ganz kleinen, kernlosen Beeren gemischt, reifen ungleichmäßigTrauben mit Mischung aus normalen und kleinen, kernlosen Beeren, ungleichmäßige ReifeHeterogene Beerengröße innerhalb derselben Traube durch unvollständige Befruchtung, die kleinen, kernlosen Beeren reifen oft schneller und höher im Zucker als die normalen, was die Lesegut-Homogenität am Erntetermin verringert
Edelfäule (Botrytis cinerea)Feuchtes Wetter nach Reifebeginn bei reifen, gesunden BeerenKonzentrierte, süße Trauben, Grundlage für Sauternes, TBA und TokajiKonzentration, Rosinierung, Basis für Sauternes, TBA, TokajiDer Pilz durchdringt die Beerenhaut und lässt Wasser verdunsten, wodurch Zucker, Säure und Aromastoffe konzentriert werden, gleichzeitig baut er Weinsäure stärker ab als Apfelsäure (siehe A7) und bildet Glycerin sowie das charakteristische Botrytis-Aroma
Grauschimmel (unerwünscht)Feuchtigkeit bei unreifen oder verletzten, kompakten TraubenFäulnisgeschmack, weniger Ertrag und schlechtere QualitätFäulnisnoten, Ertrags- und QualitätsverlustDerselbe Pilz wie Edelfäule, aber auf unreifen oder verletzten Beeren ohne die kontrollierten Bedingungen für Rosinierung, Ergebnis sind unerwünschte Fäulnis- und Essignoten sowie mikrobiologische Instabilität im Most
SonnenbrandPlötzliche starke Freistellung der Traubenzone bei HitzeBraune, geschrumpfte Beeren auf der SonnenseiteBraune, geschrumpfte Beeren an der exponierten SeiteLokale Zellschädigung durch UV- und Hitzestress an zuvor beschatteten, nicht abgehärteten Beerenpartien, typischerweise nach abruptem Entblättern kurz vor einer Hitzewelle statt schrittweiser Freistellung

Frostschutz im Weinberg reicht vom späteren Rebschnitt (rund fünf Tage Verzögerung) über Double Pruning (sieben bis zehn Tage) bis zu Frostkerzen und Windmaschinen in der Nacht.

A9

Bio & Biodynamie

  • Deutschland: rund 13,7 % Ökoweinbau, hinter Frankreich, Spanien, Italien. Österreich: 25 % (siehe D3)
  • Verbände: Ecovin (größter Bio-Weinbauverband), Demeter (biodynamisch: Hornmist, Hornkiesel, Pflicht-Biodiversitätsflächen), dazu Bioland, Naturland; in Österreich BIO AUSTRIA
  • Bodenpflege: Begrünung statt Herbizid
  • Stickstoff: Leguminosen statt Mineraldünger
  • Pflanzenschutz: Kupfer gegen Peronospora (Deutschland max. 3 kg/ha/Jahr), Schwefel gegen Oidium
  • PIWI-Sorten senken den Bedarf, erst rund 3 % der deutschen Rebfläche
  • Vergleichsversuche: integriert, ökologisch und biodynamisch kaum Unterschiede in Mostgewicht oder Sensorik; Bio-Böden mit mehr biologischer Aktivität und weniger Verdichtung

Quiz: Im Weinberg

5 Fragen zu Teil A, direkt auswerten.

B
Teil B

Im Keller

B1

Von der Traube zum Wein

  • Ablauf: Entrappen (optional), Pressung oder Maischestandzeit, alkoholische Gärung (Hefen: Zucker → Alkohol + CO₂)
  • Wilde Hefen (Schale, Keller): komplexer und ortstypischer, aber unberechenbar. Reinzuchthefen: schnell und verlässlich durchgegoren

Säure korrigieren, in beide Richtungen:

  • Chaptalisation: Zucker wird vor oder während der Gärung zugegeben, um mehr Alkohol zu erzeugen, typisch in kühlen Regionen bei nicht ganz reifen Trauben. Erlaubt z. B. in weiten Teilen Deutschlands und Frankreichs, in warmen Regionen meist verboten.Chaptalisation (Zugabe von Zucker vor/während der Gärung) erhöht den potenziellen Alkohol, in kühlen Regionen bei unterreifem Lesegut. Erlaubt z. B. in weiten Teilen Deutschlands und Frankreichs, in warmen Regionen meist verboten.Chaptalisation (Zugabe von Saccharose vor/während der Gärung) erhöht den potenziellen Alkohol, gesetzlich meist mit einer Obergrenze versehen, sinnvoll v. a. in kühlen Regionen bei unterreifem Lesegut mit ausreichend Säure. Erlaubt z. B. in weiten Teilen Deutschlands und Frankreichs (EU-Weinbauzonen A/B), in warmen Regionen und EU-Zonen C meist verboten.
  • Säuerung: In warmen Regionen wird meist mit Weinsäure nachgesäuert, weil überreife Trauben zu wenig Säure für Frische und Haltbarkeit mitbringen.Säuerung (meist mit Weinsäure) ist in warmen Regionen üblich, weil überreifes Traubengut oft zu wenig Säure für Frische und mikrobiologische Stabilität mitbringt.Säuerung (meist mit Weinsäure, seltener Milch- oder Apfelsäure) ist in warmen Regionen üblich, weil überreifes Traubengut oft zu wenig natürliche Säure für sensorische Frische und mikrobiologische Stabilität (Schutz vor unerwünschten Bakterien) mitbringt.
Malolaktische Gärung
Bakterien wandeln scharfe Apfelsäure in weichere Milchsäure um. Bei fast allen Rotweinen erwünscht, bei frischen Weißweinen oft verhindert.Milchsäurebakterien wandeln Apfelsäure in Milchsäure um. Rotwein: fast immer zugelassen oder gefördert. Aromatische, frische Weißweine: oft bewusst unterdrückt.Meist Oenococcus oeni: L-Apfelsäure → L-Milchsäure + CO₂. Rotwein fast immer (auch mikrobiologische Stabilität), frische Weißweine oft durch Kühlung oder SO₂ unterdrückt, um Frucht und Säure zu halten.
Süssreserve
Steriler, unvergorener Traubensaft, der einem trockenen Wein vor der Füllung zugesetzt wird. Klassisch in Deutschland für halbtrocken und lieblich, ohne die Gärung zu stoppen.
B2

Ausbau & Reifung

  • Holz gibt ab: Röstaromen, Vanillin, Gerbstoff; neues Holz deutlich mehr als mehrfach belegtes
  • Holz lässt durch: kontrolliert Sauerstoff (Mikro-Oxidation), Tannine werden weicher, Farbe stabiler
  • Feinhefe (Bâtonnage): Textur, cremige und brotige Noten, klassisch bei weißem Burgund

Fassarten: Größe entscheidet über den Holzeinfluss

Je kleiner das Fass, desto mehr Holz je Liter: ein Barrique hat rund dreimal so viel Kontaktfläche pro Liter wie ein Stückfass. Neues Holz gibt in der ersten Belegung am meisten ab, ab der dritten gilt ein Fass als weitgehend neutral.

Holzarten und Toasting
HolzHerkunft, WuchsAromatik
Französische EicheAllier, Tronçais, Nevers, Vosges; engporig, gespalten statt gesägtFeine Würze, Vanille dezent, seidiges Tannin; teuer (rund 800 bis 1.200 Euro je Barrique)
Amerikanische EicheQuercus alba, weitporig, darf gesägt werdenKräftig: Vanille, Kokos, Dill, süßliche Note; klassisch in Rioja und für Bourbon-Fässer
Osteuropäische EicheUngarn, Slawonien, KaukasusZwischen beiden; slawonische Eiche als große Fässer in Piemont und Toskana
Akazie, Kastanie, KirscheSelten, regionalAkazie neutral-frisch für Weißwein, Kastanie tanninreich (Trentino, Portugal)
ToastingLight, Medium, Medium+, HeavyLeicht: Holz und Frische; Medium: Vanille, Karamell; Heavy: Rauch, Kaffee, Röstnoten, weniger Holztannin

Ausbauarten kurz angeschnitten

Edelstahl, reduktiv

Prinzip
Luftdicht, temperaturgesteuert, kein Holz
Wirkung
Primärfrucht bleibt erhalten, Frische, Präzision
Typisch
Grüner Veltliner Klassik, Sauvignon Blanc, Riesling, Prosecco

Holz, oxidativ kontrolliert

Prinzip
Mikro-Oxidation durch die Fassporen, Holzaromen je nach Alter und Größe
Wirkung
Tannine polymerisieren und werden weicher, Farbe stabil, Komplexität
Typisch
Barolo, Bordeaux, Rioja, Chardonnay aus Burgund

Sur lie, Bâtonnage

Prinzip
Ausbau auf der Feinhefe, Hefe wird aufgerührt
Wirkung
Autolyse: Textur, cremige und brotige Noten, Schutz vor Oxidation
Typisch
Weißer Burgund, Muscadet sur lie, Champagner-Hefelager

Maischegärung weiß (Orange)

Prinzip
Weiße Trauben wie Rotwein auf den Schalen vergoren, Tage bis Monate
Wirkung
Tannin, Bernsteinfarbe, Tee-, Nuss- und Trockenfruchtnoten
Typisch
Friaul, Slowenien (Rebula), Georgien im Qvevri

Amphore, Beton-Ei

Prinzip
Poröses Material ohne Holzaroma, bei Beton-Eiern permanente Konvektion
Wirkung
Mikro-Oxidation wie Holz, aber neutral; Textur und Tiefe
Typisch
Qvevri (Georgien), Talha (Alentejo), Tinaja (Spanien), moderne Betonkeller

Kohlensäuremaischung

Prinzip
Ganze Trauben unter CO₂, intrazelluläre Gärung ohne Hefekontakt
Wirkung
Sehr fruchtig, wenig Tannin, Banane und Kirsche, früh trinkreif
Typisch
Beaujolais Nouveau, teilweise Rhône und Rioja Joven

Tanks, Beton, Amphoren: alle Gebinde ohne Holzaroma

Zwei Fragen entscheiden: Lässt der Behälter Sauerstoff durch? und Gibt er Aroma ab? Holz tut beides, Edelstahl keines, alles andere liegt dazwischen. Kacheln sortiert von dicht bis atmend.

Gebinde im Vergleich: Sauerstoff, Aroma, Temperatur
GebindeSauerstoffzutrittAromaabgabeTemperaturÜbliche GrößeTypischer Einsatz
Edelstahlkeiner (reduktiv)keineKühlmantel, exakt steuerbar5 hl bis 5.000 hlGärung und Ausbau frischer Weiß- und Roséweine, Prosecco-Tankgärung
Glas (Ballon, Wineglobe)keinerkeineträge, lichtempfindlich25 bis 400 lRancio, Vin Santo, Versuchsmengen, Sichtkontrolle der Hefe
Kunststoff GFK (Polyester)keiner bis minimalkeine bei intakter Beschichtungträge5 bis 300 hlLagerung von Grund- und Fassweinen, günstig
Kunststoff HDPE (Flextank)definiert, wie ein gebrauchtes Barriquekeineträge200 bis 1.000 lMikro-Oxidation ohne Holzton, Neue Welt
Steinzeug, Keramik (Clayver)geringkeineträge250 bis 600 lHochgebrannter Ton, Ei- oder Kugelform, Naturwein und Burgundersorten
Beton (Ei, Tank)gering bis mittel, je nach Auskleidungkeine; ohne Auskleidung leicht mineralischer Eindrucksehr träge, stabil600 l (Ei) bis 500 hl (Tank)Ei: Konvektion hält die Hefe in Schwebe; Tank: Bordeaux, Rhône, Südtirol
Ton: Qvevri, Tinaja, Talha, Doliummittel bis hoch, je nach Brand und Auskleidung (Bienenwachs, Harz, Epoxid)keine bis leicht erdigim Boden vergraben sehr stabil100 bis 3.000 lMaischegärung weiß und rot, Orange Wine, traditionelle Stile
Holz, gebrauchtmittelgeringträge225 bis 10.000 lReifung ohne Holzton, Sur lie
Holz, neumittel bis hoch (klein) stark: Vanille, Röstung, Tanninträge225 bis 600 lKräftige Rote, Chardonnay, Prestige-Cuvées
Gären ist nicht Reifen
  • Für die Gärung zählen Temperaturkontrolle und Zugang zur Maische: offene Holzbottiche und Gärständer (cuve tronconique), Edelstahltanks mit Kühlmantel, Betonbecken, in Portugal die Granit-Lagares zum Treten der Port-Trauben, kleine offene Bins für Kleinstpartien.
  • Für die Reifung zählen Sauerstoff und Aroma: Fass, Beton, Ton und Tank.
  • Viele Weine wechseln nach der Gärung das Gebinde.
B3

Stilrichtungen jenseits vom trockenen Stillwein

Schaumwein

Traditionell
Zweite Gärung in der Flasche (Champagne, Crémant, Cava)
Tankgärung
Zweite Gärung im Drucktank (Prosecco)
Asti-Methode
Einmalige Gärung im Tank, unterbrochen, Restsüße und CO&sub2; bleiben erhalten

Edelsüße Weine

Botrytis
Sauternes, TBA, Tokaji Aszú
Passito
Am Stroh/Gestell getrocknete Trauben (Amarone, Recioto, Vin Santo)
Eiswein
Gefroren gelesen und gepresst
Süssreserve
Siehe B1, kein Restsüße-Stopp der Gärung nötig

Recioto vs. Amarone

Gemeinsam
Beide aus am Gestell getrockneten Valpolicella-Trauben
Amarone
Durchgegoren, trocken, kräftig
Recioto
Gärung früh gestoppt, süß

Orange-Wein

Prinzip
Weiße Trauben werden wie Rotwein auf der Maische vergoren, Tage bis Monate
Folge
Farbe von Bernstein bis Kupfer, spürbares Tannin, oxidative Noten, Nuss und Dörrobst
Herkunft
Georgien (Qvevri, seit Jahrtausenden), Friaul und Slowenien als moderne Treiber
Service
Wie ein leichter Rotwein behandeln: 12 bis 14 °C, größeres Glas, verträgt kräftige Speisen

Rosé: drei Wege

Direktpressung
Rote Trauben werden sofort gepresst, nur Minuten Schalenkontakt; sehr blass, Provence-Stil
Saignée
Nach kurzer Maischestandzeit wird ein Teil Most abgezogen; kräftiger, Nebenprodukt der Rotweinkonzentration
Verschnitt
Rot- und Weißwein mischen, in der EU nur beim Schaumwein erlaubt (Rosé-Champagner)
Farbe
Sagt nichts über die Süße: Ein blasser Provence-Rosé und ein dunkler Saignée können beide trocken sein

Rosé (Tavel)

Region
Südliches Rhônetal
Besonderheit
Einzige zulässige Farbe ist ein kräftiger, trockener Rosé aus alten Grenache-Reben
B4

Schaumwein: Champagner, deutscher Sekt, Sekt Austria

Perlen entstehen immer gleich: Zucker plus Hefe im geschlossenen Behälter, das CO₂ kann nicht entweichen. Der Unterschied zwischen 4 und 40 Euro liegt darin, wo diese zweite Gärung stattfindet und wie lange der Wein danach auf der Hefe liegt.

1 Grundwein früh gelesen, hohe Säure rund 10 bis 11 % vol, oft ohne MLF 2 Assemblage Cuvée aus Sorten, Lagen und Jahrgängen (Reserveweine) 3 Tirage Zucker und Hefe (Liqueur de tirage) in die Flasche, Kronkorken drauf 4 Zweite Gärung + Hefelager in der Flasche, rund 6 bar CO₂ Autolyse: Brioche, Cremigkeit Monate bis Jahre 5 Remuage Rütteln von Hand oder Gyropalette, Hefe wandert in den Flaschenhals 6 Dégorgement Flaschenhals vereist, Hefepfropf schießt heraus 7 Dosage Liqueur d’expédition legt die Süße fest, dann Korken
Die Méthode traditionnelle in sieben Schritten. Schritt 4 macht den Unterschied: Je länger die Hefe in der Flasche bleibt, desto feiner die Perlage und desto mehr Brioche und Nuss statt Apfel und Birne.
  • Tankgärung (Charmat/Martinotti): Schritt 4 im Drucktank, Wochen statt Jahre, Frucht statt Hefe. Prosecco, die meisten Sekte; Asti nur mit einer unterbrochenen Gärung
  • Transvasierverfahren: Flaschengärung, dann Umfüllen in den Tank zum Filtern
  • Méthode ancestrale / Pét-Nat: die erste Gärung wird in der Flasche beendet, meist ungefiltert, wenig Druck
Brut Nature0–3 Extra Brut0–6 Brutunter 12 Extra Dry12–17 Sec / Dry17–32 Demi-Sec32–50 Douxüber 50 Restzucker in g/l nach der Dosage. „Extra Dry“ ist süßer als „Brut“, die häufigste Verwechslung an der Bar.
Dosage-Stufen: Die Begriffe stammen aus einer Zeit, in der Champagner deutlich süßer getrunken wurde, deshalb heißt „trocken“ (Sec) heute bis zu 32 g/l.

Jede Karte: Methode · Hefelager · Flaschendruck. Klick öffnet Sorten, Stufen und Regeln.

Champagner Frankreich · AOC Flaschengärung15 / 36 Monate6 bar
  • Sorten: Chardonnay, Pinot Noir, Pinot Meunier (plus 4 historische)
  • Hefelager: gesetzlich mind. 12 Monate, in der Praxis 15 Monate für Jahrgangslose (NV), 36 Monate für Jahrgangschampagner
  • Regeln: nur aus der Champagne, Ganztraubenpressung (max. 102 l aus 160 kg)
  • Stile: Blanc de Blancs (nur weiß), Blanc de Noirs (nur rot), Rosé auch durch Verschnitt erlaubt
Crémant Frankreich & Luxemburg · AOC Flaschengärungab 9 Monatemind. 3,5 bar
  • Sorten: regionsabhängig: Elsass Pinot Blanc und Riesling, Loire Chenin, Burgund Chardonnay und Pinot Noir
  • Hefelager: mind. 9 Monate, insgesamt 12 Monate bis zum Verkauf
  • Regeln: acht französische Crémant-AOC plus Luxemburg, Ganztraubenpressung, Handlese
Sekt Deutschland meist Tankgärungab 90 Tagemind. 3,5 bar
  • Sorten: beliebig, oft Riesling und Burgunder
  • Hefelager: Tankgärung 90 Tage, Flaschengärung 9 Monate
  • Sekt: darf aus EU-Grundwein sein, mind. 10 % vol
  • Deutscher Sekt: nur deutscher Grundwein
  • Sekt b.A.: aus einem Anbaugebiet, mit Prüfnummer
  • Winzersekt: eigene Trauben, traditionelle Flaschengärung, 9 Monate Hefelager
  • VDP.Sekt: mind. 15 Monate, Prestige 36
Sekt Austria Österreich · g.U. Flasche ab Reserve9 / 18 / 36 Monatemind. 3,5 bar
  • Sorten: Qualitätsweinsorten aus einem Bundesland
  • Klassik: alle Methoden erlaubt, 9 Monate Hefelager
  • Reserve: traditionelle Flaschengärung, 18 Monate
  • Große Reserve: 36 Monate, Trauben aus einer Gemeinde, Handlese, Ganztraubenpressung, frühestens 36 Monate nach der Lese im Handel
  • Seit 2015 mit rot-weiß-roter Banderole
Cava Spanien · DO Flaschengärung9 / 18 / 30 / 36 Monatemind. 3,5 bar
  • Sorten: Macabeo, Xarel·lo, Parellada; Chardonnay, Pinot Noir
  • Stufen: Guarda 9, Reserva 18, Gran Reserva 30, Paraje Calificado 36 Monate
  • Regeln: rund 95 % aus dem Penedès; Guarda Superior (Reserva und höher) ab 2025 nur aus Bio-Trauben
Prosecco Italien · DOC / DOCG Tankgärungwenige Wochenab 3 bar
  • Sorte: Glera, mind. 85 %
  • Stil: Frucht statt Hefe, meist Brut bis Extra Dry
  • Druck: Spumante ab 3 bar, Frizzante 1 bis 2,5 bar
  • Spitze: Superiore DOCG aus Conegliano-Valdobbiadene, Cartizze
Franciacorta Italien · DOCG Flaschengärung18 / 30 / 60 Monate6 bar, Satèn 5
  • Sorten: Chardonnay, Pinot Nero, Pinot Bianco
  • Stufen: mind. 18 Monate, Millesimato 30, Riserva 60
  • Besonderheit: Italiens Champagner-Antwort aus der Lombardei
  • Satèn: nur aus weißen Sorten, geringerer Druck (rund 5 bar), dadurch weicher
Wie Champagner mit dem Alter riecht
  • 2 bis 3 Jahre (jugendlich): Zitrus, grüner Apfel, weiße Blüten, bei Pinot Noir rote Beeren und Veilchen.
  • 3 bis 6 oder 8 Jahre (reif): Brioche, Mandel, Honig, Trockenfrüchte, kandierte Früchte.
  • über 6 bis 8 Jahre (komplex): Toast, Lebkuchen, Kaffee, Kakao, Pilz, Unterholz, Rosine.
  • Grundregel: Je länger auf der Hefe, desto weiter rutscht das Profil von Frucht zu Gebäck und Röstaromen.
Für die Karte
  • Flasche oder Tank?
  • Wie lange auf der Hefe? Brioche und Nuss = lange Flaschengärung, reine Frucht = meist Tank
  • Wie viel Zucker? Brut Nature bis Doux
  • Gärort: Flasche oder Tank
  • Hefelagerdauer: Monate bis Jahre, sichtbar an Autolyse-Noten und feiner Perlage
  • Dosage: Brut Nature bis Doux
  • Preis folgt dieser Skala fast linear, weil Hefelager Kapital bindet: Champagner und Große Reserve am einen Ende, Prosecco Frizzante am anderen
  • Kostentreiber: Flaschengärung mit langem Hefelager bindet Kapital und Kellerfläche (Champagne lagert das Vierfache einer Jahresproduktion), Ganztraubenpressung und Handlese senken die Ausbeute
  • Qualität im Glas: Perlage-Feinheit (Druck und Zeit), Autolyse-Aromatik (Brioche, Hefe, Nuss), Säurestruktur des Grundweins, Reserveweinanteil (Perpetual Reserve bei Top-Häusern)
  • Deutschland: über 90 % des Sekts sind Tankgärung aus zugekauftem EU-Grundwein, „Winzersekt“ ist die rechtlich sauberste Abgrenzung
  • Österreich: die Sekt-Austria-Pyramide übernimmt diese Abgrenzung

Quiz: Im Keller

5 Fragen zu Teil B, direkt auswerten.

C
Teil C

Weinrecht & Klassifikationen

C1

Qualitätssysteme im Vergleich: Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, Österreich

Alle fünf Länder bauen auf denselben drei EU-Stufen auf (ohne Herkunft, g.g.A., g.U.), unterscheiden sich aber darin, was sie innerhalb der g.U. staffeln: Herkunft (Frankreich, Italien, Spanien), Traubenreife (Deutschland, Österreich) oder beides.

Qualitätspyramiden

Land wählen oder alle nebeneinander; Klick auf eine Stufe zeigt Anforderungen, Umfang und Beispiele.

Ohne Herkunft g.g.A. (geschützte geografische Angabe) g.U. (geschützte Ursprungsbezeichnung)
Merke
  • Frankreich, Italien, Spanien sagen mit ihrer Spitze „woher genau“.
  • Deutschland und Österreich sagen zusätzlich „wie reif gelesen“.
  • Folge: Ein deutscher Prädikatswein kann trocken sein, ein Grand Cru kann aus einem schwachen Jahrgang stammen.
  • Romanisch: die Spitze misst die Enge der Herkunft (Lage, Gut, Gemeinde).
  • Germanisch: die Spitze misst das Mostgewicht bei der Lese.
  • Deshalb ist „Prädikat“ keine Herkunfts- und „Grand Cru“ keine Reifeaussage.
  • Beide Länder ziehen mit Herkunftspyramiden nach (Ort, Lage, DAC-Ried).
  • Romanische Systeme staffeln innerhalb der g.U. geografisch (Region, Gemeinde, Lage/Gut) und hängen Reife- oder Ausbauangaben als Zusätze an (Riserva, Reserva, Classico).
  • Germanische Systeme staffeln primär nach Mostgewicht (Prädikat) und haben die geografische Staffelung nachgerüstet: Deutschland Weingesetz 2021 (Ort/Lage), Österreich DAC seit 2002 (Gebiets-, Orts-, Riedenwein).
  • Für die Weinkarte: Prädikat und Cru sind nicht vergleichbar, Ortswein und Village hingegen schon.

Ertrags- und Pflanzregeln: die zweite Hälfte des Weinrechts

Hektarhöchstertrag
  • Österreich: 10.000 kg Trauben oder 7.500 l Wein pro Hektar
  • Überschreitung: die gesamte Menge muss ohne Sorte und Jahrgang verkauft werden
  • Vermarktungsgrenze, keine biologische Größe
  • Österreich: 10.000 kg bzw. 7.500 l je Hektar für Land-, Qualitäts- und Prädikatswein sowie Wein ohne Herkunft mit Sorte und Jahrgang
  • Überschreitung: gesamte Ernte wird zu Wein ohne Sorte und Jahrgang deklassiert
  • Frankreich staffelt je Appellation, Deutschland liegt deutlich höher, die Neue Welt kennt keine Grenze
  • Weinbaupolitische Größe: Marktregulierung, per Verordnung änderbar, auf die Betriebsfläche bezogen, ohne Bezug zur Belastung des einzelnen Stocks
  • Österreich: 10.000 kg/ha bzw. 7.500 l/ha, Überschreitung deklassiert die gesamte Ernte
  • Frankreich, Italien: Basisertrag je Appellation, auf Antrag bis 20 % mehr; Staffelung nach Herkunftsenge (Bordeaux 65, Pauillac 45, Pomerol 40, Chambertin 35 hl)
  • Grenzen der Grenze: Rodung von 9.500 ha in Bordeaux (2023, 57 Mio. Euro Zuschuss), Krisendestillation zu 65 Cent/l in Deutschland
Hektarhöchsterträge im Vergleich (Basisertrag in hl/ha; F, I, E, D: auf Antrag bis 20 % mehr)
Herkunfthl/haHerkunfthl/ha
Chambertin Grand Cru35Chianti Classico, Brunello, Barolo55
Pomerol, Pommard 1er Cru, Montrachet40Chianti, Bordeaux, Beaujolais65
Pauillac, Margaux, Saint-Émilion45Österreich (alle Gebiete)70
Côtes du Rhône, Languedoc50Elsass, Collio, Wallis80
Champagne, Rioja, Ribera del Duero60Rheingau, Soave, Genf90–100
Mosel125Kalifornien, Südafrika, Australienkeine Grenze
Anbauregelung
  • Seit 2016: neue Weingärten nur mit Genehmigung
  • Maximal 1 % der Rebfläche eines Landes pro Jahr: Österreich rund 445 ha, Deutschland nur 0,3 %
  • 2016: Pflanzrechte durch Genehmigungssystem ersetzt
  • Wiederbepflanzung nach Rodung: flächengleich frei
  • Neuanpflanzung: jährlich höchstens 1 % der Rebfläche (Österreich max. 445 ha, Deutschland nutzt den niedrigeren Satz von 0,3 %)
  • Gültig bis 2030
  • Genehmigungssystem seit 1. Januar 2016, verlängert bis 2030
  • 1 % der am 31. Juli des Vorjahres bepflanzten Fläche; Mitgliedstaaten dürfen niedriger gehen (Deutschland 0,3 %, Österreich Obergrenze rund 445 ha)
  • Ziel: „moderate Entwicklung“, faktisch eine Mengenbremse in einem Markt mit sinkendem Konsum, steigenden Kosten und Klimawandel; Steillagen werden zuerst unrentabel

Hintergrund der Pyramiden: Die EU-Weinmarktreform 2008 hob die Gleichwertigkeit von germanischem Mostgewichts-System und romanischem Herkunftsansatz auf und machte die Herkunft zum alleinigen Maßstab: „je kleiner die Herkunft, desto höher die Qualität“. Deutschland zog mit dem Weingesetz 2021 nach, Österreich über DAC und Riedenklassifikation (siehe C4).

C2

Frankreich

Lieu-dit
Benannte Einzellage, markiert die Herkunft innerhalb einer Appellation, ohne eigene Rechtsstufe
Climat
Burgundische Einzellage mit eigenem Terroir-Charakter, über 1.200 zwischen Dijon und Maranges, UNESCO-Welterbe
Chablis Grand Cru
Rechtlich eine einzige AOC, unterteilt in sieben Climats: Blanchot, Bougros, Grenouilles, Les Clos, Preuses, Valmur, Vaudésir
Bordeaux 1855: fünf Ränge, seit über 150 Jahren fast unverändert
RangBeispiele
Premier CruLafite, Latour, Margaux, Haut-Brion (Graves!), Mouton-Rothschild (seit 1973)
Deuxième bis Cinquième Cru56 weitere Châteaux, überwiegend im Médoc
  • 1855 nach Marktpreis, nicht nach Terroir klassifiziert, deshalb bis heute praktisch unverändert
  • Nur linkes Ufer: Médoc plus Haut-Brion aus Pessac-Léognan (Graves)
  • Rechtes Ufer (Saint-Émilion, Pomerol) hat eigene Systeme; Saint-Émilion wird regelmäßig überarbeitetSaint-Émilion wird alle rund zehn Jahre neu bewertet, Pomerol hat keine Klassifikationregelmäßig überarbeitet
  • Burgund: Côte de Beaune (Süden) = weißes Herz (Chardonnay), Côte de Nuits (Norden) = rotes Herz (Pinot Noir) mit Vosne-Romanée, Romanée-Conti, La Tâche, Richebourg
  • Nördliche Rhône: Weißwein aus Marsanne und Roussanne (Hermitage, Crozes, Saint-Joseph); Condrieu und Teile von Côte-Rôtie reine Viognier-Domäne
  • Südliche Rhône: Grenache-Blends (Châteauneuf-du-Pape)
  • Elsass: strengste Sortenregel Europas, „Alsace Riesling“ heißt 100 % Riesling
C3

Italien

  • Stufen: Vino, IGT, DOC, DOCG (Pyramide in C1)
  • Chianti Classico Gran Selezione: höchste Stufe, eigene Trauben, mind. 30 Monate Reifung, länger als Riservahöchste Stufe, Trauben aus Estate-Anbau, mind. 30 Monate Reifung, mehr als Riservaausschließlich eigene Estate-Trauben, mind. 30 Monate (davon 3 in der Flasche) gegenüber 24 bei Riserva und 12 bei Annata
  • Barolo und Barbaresco: 100 % Nebbiolo
  • Primitivo (Manduria) = Zinfandel = Crljenak Kaštelanski; der Name meint die frühe Reife, die im heißen Sommer schnell hohe Mostgewichte und ungleich reife, teils rosinierte Beeren bringt
C4

Deutschland & Österreich

  • Sortenangabe: EU-Grundregel mind. 85 % der genannten Sorte; Deutschland und Österreich für Qualitäts- und Landwein
  • DAC-Leitsorten (z. B. Kamptal DAC) oft strenger: 100 %
  • Chile seit 2011 (Vergleich): drei transversale Zusätze Costa (küstennah, kühl), Andes (Andenausläufer, große Tag-Nacht-Amplitude), Entre Cordilleras (abgeschirmte, wärmste Zentralebene)

Österreich im Detail: Mostgewicht, DAC, Riedenklassifikation

Zwei Kriterien entscheiden über die Kategorie: die Herkunft der Trauben und das Mostgewicht in °KMW (Klosterneuburger Mostwaage, 1 °KMW entspricht etwa 1 % Zucker im Most). Ab Qualitätswein ist die staatliche Prüfnummer Pflicht.

Kategorien nach Herkunft und Mostgewicht
KategorieMind. °KMWMind. AlkoholHerkunftBesonderheiten
Wein (ohne Herkunft)10,78,5 % volnur „Österreich“Sorte und Jahrgang nur bei eingehaltenem Hektarhöchstertrag; Zusätze „Bergwein“ (über 26 % Hangneigung) und „Heuriger“ erlaubt; 4 g/l Säure
Landwein148,5 % vol100 % aus Weinland, Steirerland oder BerglandQualitätsweinsorten, Hektarhöchstertrag eingehalten
Qualitätswein159 % volein einziges Weinbaugebietstaatliche Prüfnummer nach Analyse und Verkostung, Herstellung im Gebiet oder angrenzend; Prädikatswein mind. 5 % vol
Kabinett17max. 12,9 % volwie Qualitätsweinkeine Anreicherung, keine Süßung, max. 9 g/l Restzucker; in Österreich ein Qualitätswein-Zusatz, kein Prädikat
DAC159 % volein DAC-Gebietgebietstypischer Qualitätswein nach DAC-Verordnung, Kostkommission prüft die Typizität
Umrechnung

°Oe = (0,022 × °KMW + 4,54) × °KMW 1 °Oe ≈ 2,6 g/l Zucker Beispiele: 10,7 °KMW = 51 °Oe, 19 °KMW = 94 °Oe, 30 °KMW = 156 °Oe.

Prädikatsweinstufen in Österreich (keine Anreicherung, Restsüße nur durch Gärunterbrechung)
PrädikatMindest-°KMWentspricht °OeLesegut
Spätlese1994Vollreife Trauben
Auslese21105Ausgelesene Trauben, unreife und kranke Beeren aussortiert
Beerenauslese25127Überreife und edelfaule Beeren
Eiswein25127Bei Lese und Pressung gefroren
Strohwein / Schilfwein25127Mind. drei Monate auf Stroh/Schilf gelagert oder aufgehängt
Trockenbeerenauslese30156Größtenteils edelfaul, eingeschrumpft; aus Rust auch „Ausbruch“
DAC in einem Satz

DAC (Districtus Austriae Controllatus): Der Gebietsname steht nur auf Weinen, die dem typischen Stil des Gebiets entsprechen, geprüft von einer Kostkommission. Alles andere aus demselben Gebiet läuft unter dem Bundesland (z. B. Niederösterreich).

Was eine DAC-Verordnung regelt:

  • Leitsorten und Stilprofil (Geruch, Geschmack, bis zur Farbe)
  • Anbau und Ernte: Handlese Pflicht in den steirischen Gebieten, in Rust und in der Wachau
  • Alkohol und Restzucker je Stufe oder Sorte
  • Frühester Verkaufstermin und Regulierung des Begriffs „Reserve“
  • Herkunftspyramide: Gebietswein, Ortswein, Riedenwein
DAC-Chronologie: 18 Gebiete seit 2003
JahrGebiete
2003Weinviertel (Reserve-Stufe ab 2009)
2006Mittelburgenland, Traisental
2007Kremstal
2008Kamptal
2009Leithaberg
2010Eisenberg
2012Neusiedlersee (Süßwein seit 2020)
2013Wiener Gemischter Satz
2018Südsteiermark, Vulkanland Steiermark, Weststeiermark, Rosalia
2019Carnuntum
2020Wachau, Ruster Ausbruch
2022Wagram
2023Thermenregion
Riedenklassifikation
  • Seit 2023 dürfen die besten Rieden gesetzlich als Erste Lage oder Große Lage geführt werden
  • Nur für DAC-Weine, mit Handlese und weniger Ertrag
  • Verordnung Juni 2023 nach zehnjährigem Prozess
  • Erste Lage / Große Lage nur für DAC-Weine aus Gebieten mit definierter Dreistufigkeit (Gebiet, Ort, Ried), Handlese, geringerer Ertrag
  • Prüfung durch das Nationale Weinkomitee: historische Bedeutung, Homogenität von Boden, Klima und Exposition, Vermarktungswert, Bewertungen
  • Vorarbeit: Österreichische Traditionsweingüter (ÖTW) mit rund 120 Ersten Lagen
  • Ablauf: Regionales Komitee schlägt Rieden vor, Nationales Weinkomitee prüft nach dem Klassifikationsdokument des Ministeriums, Verlautbarung in der DAC-Verordnung
  • Kriterien: historische Bedeutung der Ried, Homogenität (Boden, Klima, Exposition), Vermarktungsmenge und -wert, nationale und internationale Bewertungen
  • Bedingungen: nur DAC-Weine, Gebiet mit definierter Dreistufigkeit, Handlese, reduzierter Ertrag
  • Maßstab: Systematik von den ÖTW übernommen (rund 120 Erste Lagen), Zielverhältnis wie in Burgund etwa 20 % klassifiziert zu 80 %; Zeithorizont mindestens eine Generation
Bio in Österreich
  • EU-Bio-Verordnung ist die Untergrenze: „bio“ nur bei Einhaltung, zertifizierter Bio-Wein muss zu 100 % aus biologischen Trauben stammen.
  • Österreich geht darüber hinaus, etwa beim Kupfereinsatz im Pflanzenschutzgesetz.
  • Dazu strengere Verbandsrichtlinien wie BIO AUSTRIA, der größte Biobauern-Verband Europas.
  • 25 % der österreichischen Weingartenfläche sind 2025 biologisch bewirtschaftet (Zahlen in D3).
C5

Spanien

Reifestufen quer zur Herkunft (Rioja und viele andere DO), Mindestzeiten für Rotwein:

Joven
ohne oder mit kurzer Holzreife, im Jahr nach der Ernte im Handel
Crianza
2 Jahre gesamt, davon mind. 1 Jahr Fass
Reserva
3 Jahre gesamt, davon mind. 1 Jahr Fass
Gran Reserva
5 Jahre gesamt, davon mind. 2 Jahre Fass

Merke: Die Stufen beschreiben Reifedauer, nicht Herkunft oder Qualität; Rioja ergänzt seit 2017 Vino de Zona, Vino de Municipio und Viñedo Singular als Herkunftsstufen (Pyramide in C1).

C6

Neue Welt

USA: Estate Bottled
Alle Trauben von eigenen oder selbst bewirtschafteten Flächen innerhalb der genannten AVA, Vinifikation und Abfüllung am selben Ort
Australien: Hierarchie
State → Zone → Region → Sub-region. Eine Region muss klimatisch und geografisch homogen sein, eine Zone nicht: Barossa Valley (warm, Talboden) und Eden Valley (kühler, höher) sind zwei Regions in der Zone „Barossa“
Südafrika: Binnenland
Distrikte wie Worcester (Breede River Valley) werden aus Breede River und Brandvlei Dam bewässert, hohe Erträge an Chenin Blanc und Colombard liefern die neutrale, säurereiche Basis für KWV-Brandy

Quiz: Weinrecht & Klassifikationen

5 Fragen zu Teil C, direkt auswerten.

D
Teil D

Regionen-Steckbriefe

D1

Europakarte: Anbaugebiete im Überblick

185 Einträge in 37 Ländern auf einer echten Karte, vom Douro bis nach Kachetien. Klick auf einen Punkt öffnet den Steckbrief direkt über der Karte, Suche und Länderfilter grenzen die Punkte ein.

Zoomen mit den Tasten rechts oben, Doppelklick, Strg/⌘ + Mausrad oder zwei Fingern; ziehen zum Verschieben. Ab etwa 3-facher Vergrößerung erscheinen die Namen automatisch (maximal 12-fach). Volle Punkte sind Weinbauregionen oder Appellationen, hohle Punkte Bezirke, Orte oder Einzellagen innerhalb einer Region (Ebene steht im Steckbrief). Ländergrenzen nach Natural Earth (vereinfacht, Mercator), Rebflächen gerundete Näherungswerte je Anbaugebiet bzw. Appellation, Madeira/Azoren und der Kaukasus liegen in eigenen Einschüben.

D2

Deutschlands Weinimporte: die Zahlen hinter der Weinkarte

Amtliche Zahlen (Deutscher Wein Statistik, Basis 2022) zeigen, aus welchen Ländern der Großteil des in Deutschland getrunkenen „ausländischen“ Weins stammt:

Top 10 Importländer nach Menge (2022, Hektoliter)
LandMengeTypische Sorten
Italien4,86 Mio. hlPinot Grigio, Prosecco, Montepulciano
Spanien3,68 Mio. hlTempranillo, Airén, Verdejo
Frankreich1,78 Mio. hlBordeaux-Blends, Burgund
Südafrika649.000 hlChenin Blanc, Cabernet Sauvignon
USA405.000 hlChardonnay, Zinfandel
Australien400.000 hlShiraz, Chardonnay
Österreich395.000 hlGrüner Veltliner
Chile331.000 hlCabernet Sauvignon, Sauvignon Blanc
Portugal170.000 hlVinho Verde, Douro-Blends
Neuseeland91.000 hlSauvignon Blanc
Italien 4,86 Mio. hl Spanien 3,68 Mio. hl Frankreich 1,78 Mio. hl Südafrika 649.000 hl USA 405.000 hl Australien 400.000 hl Österreich 395.000 hl Chile 331.000 hl Portugal 170.000 hl Neuseeland 91.000 hl
Importmenge 2022 nach Land, linear skaliert: Italien und Spanien dominieren die Menge klar vor allen anderen Herkünften.
  • Trend seit 2024: Spanien hat Italien bei der Menge erstmals überholt (günstige Massenweine).
  • Beim Importwert bleibt Italien klar vorn, weil der Durchschnittspreis höher liegt.
Weltmarkt (OIV)
  • Die drei Großen produzieren weit mehr, als sie trinken (2023, Produktion gegen Verbrauch): Frankreich 48 gegen 24 Mio. hl, Italien 38 gegen 22, Spanien 28 gegen 10.
  • Rotwein verliert seit 20 Jahren, Weißwein (Prosecco!) und Rosé gewinnen.
  • Produktion / Verbrauch 2023 (Mio. hl): Frankreich 48,0 / 24,4, Italien 38,3 / 21,8, Spanien 28,3 / 9,8, jeweils riesige Exportüberschüsse.
  • Rotwein: Produktion seit dem Hoch 2004 um 25 % gesunken (Anteil 48 % → 43 %); Frankreich produziert 50 % weniger Rotwein als 2000.
  • Weißwein: hat Rot seit 2013 überholt (Anteil 49 %), Treiber Prosecco, USA, Südafrika, Australien.
  • Rosé: von 6–7 % auf über 8 % gestiegen; Frankreich trinkt ein Drittel des Rosés weltweit.
  • OIV 2023 (Mio. hl, Produktion / Verbrauch / Überschuss): Frankreich 48,0 / 24,4 / 23,6, Italien 38,3 / 21,8 / 16,6, Spanien 28,3 / 9,8 / 19,5.
  • Rotwein: weltweit seit 2004 −25 % (Anteil 48 → 43 %), Nachfragerückgang vor allem in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien.
  • Weißwein: seit dem Tief 2002 +13 %, seit 2013 vor Rot (Anteil 46 → 49 %), getragen von den Schaumweinmärkten USA, Deutschland, Großbritannien.
  • Rosé: 2001–2021 +25 % (Anteil 6–7 → über 8 %), Frankreich mit über einem Drittel der Weltnachfrage.
  • Europäische Krise (sinkender Konsum, steigende Kosten, Klimawandel): Rodungsprogramme (Bordeaux 9.500 ha), Krisendestillation, Dürreschäden (Penedès 2024: Ernte −45 %, Freixenet stellt bis zu 80 % der Belegschaft frei).
D3

Österreich in Zahlen: Fläche, Sorten, Markt

Die Kennzahlen aus der „Dokumentation Österreich Wein“ (ÖWM, Stand Juni 2026), auf das reduziert, was am Tisch und in der Prüfung gefragt wird.

44.210 ha
Rebfläche 2023/24
68 % weiße Sorten: Österreich ist ein Weißweinland
10.012
Betriebe
Ø 4,4 ha; 1987 noch 45.380 Betriebe mit 1,3 ha
25 %
Bio-Anteil
10.717 ha, 1.316 Betriebe; Wien mit 56 % Spitzenreiter
2,56 Mio. hl
Ernte 2025
+37 % gegen 2024 (1,87 Mio. hl, kleinste Ernte seit 2010)
25,5 l
Weinkonsum pro Kopf
Gesamt 237 Mio. l pro Jahr, Tendenz sinkend (Bier: 97,6 l)
58 %
Konsum über Gastro & Events
36 % Haushalte (davon 89 % LEH), 6 % Touristen
60,6 Mio. l
Export 2025
218,9 Mio. Euro (je −5 %); Nr. 1 Deutschland mit 93,3 Mio. Euro
79,9 Mio. l
Import 2025
294,5 Mio. Euro; größter Posten Schaumwein in Flaschen

Fläche & Struktur

  • Nachhaltig Austria: 12.324 ha (28 %)
  • Biodynamisch: 1.278 ha (2,9 %; Demeter und respekt-BIODYN)
  • Strukturwandel: seit 1987 viermal weniger Betriebe, dreimal größere Durchschnittsfläche

Ernte & Prüfnummer

  • Langfristig: Ø 2,4 Mio. hl in 60 Jahren; Rekord 1982 mit 4,9 Mio. hl
  • Qualitätswein 2025: 29.094 staatliche Prüfnummern für 170 Mio. l, 3.658 Betriebe
  • DAC 2025: 36 Mio. l, davon 32,7 Mio. l weiß; größte: Kamptal, Kremstal, Carnuntum

Gastro-Großhandel & LEH

  • Gastro-Großhandel: 4,3 Mio. l, 87,5 % Inland; 63 % weiß, 35 % rot, 2 % rosé
  • Preis: Ø 5,56 Euro, 87,5 % der Menge unter 10 Euro
  • LEH 2025: 68,3 Mio. l für 379 Mio. Euro, Inlandsanteil rund 70 % der Menge

Export & Import

  • Exportmärkte: Deutschland 93,3 Mio. Euro, dann Schweiz 17,8, USA 17,1, Kanada 15,4
  • Importposten Nr. 1: Schaumwein in Flaschen (22,7 Mio. l, 123 Mio. Euro)
  • Bilanz: Menge Import > Export; Exportpreis ≈ 3,60 Euro/l, Importpreis ≈ 3,70 Euro/l
  • Gastro-Trend: Inland-Sortimente wachsen; einzige Importnische: billiger Schank-/Spritzerwein in 2-l-PET
Top 10 Rebsorten Österreich (2023/24, INVEKOS) und ihr Anteil im Gastro-Großhandel 2025
SortehaAnteil FlächeAnteil Gastro-MengeSchwerpunkt
Grüner Veltliner14.29632,3 %26,1 %Niederösterreich (13.112 ha)
Zweigelt5.94013,4 %8,3 %Niederösterreich, Burgenland
Welschriesling2.7746,3 %4,7 %Alle Bundesländer, Süßwein-Basis am Neusiedlersee
Blaufränkisch2.5505,8 %2,4 %Burgenland (2.394 ha)
Riesling2.0254,6 %1,7 %Niederösterreich (Wachau, Kamptal, Kremstal)
Chardonnay (Morillon)1.9274,4 %2,2 %Verteilt, Steiermark als Morillon
Weißburgunder1.8484,2 %1,7 %Verteilt
Sauvignon Blanc1.7403,9 %2,6 %Steiermark (965 ha, dort Nr. 1)
Muskateller1.5433,5 %–Steiermark, Niederösterreich
Müller-Thurgau1.1952,7 %–Niederösterreich
Weinbaugebiete Österreichs 2023/24: Betriebe, Fläche, DAC seit
GebietBetriebehaDAC seitLeitsorten laut DAC
Weinviertel2.37213.7302003Grüner Veltliner
Kamptal5393.5672008Grüner Veltliner, Riesling
Wagram5722.4112022Grüner Veltliner, Roter Veltliner u. a.
Kremstal5342.2422007Grüner Veltliner, Riesling
Thermenregion5291.8212023Zierfandler, Rotgipfler, St. Laurent, Pinot Noir u. a.
Wachau4191.2852020Grüner Veltliner, Riesling (Steinfeder/Federspiel/Smaragd)
Traisental3448612006Grüner Veltliner, Riesling
Carnuntum1888122019Zweigelt, Blaufränkisch; Chardonnay, Weißburgunder, Grüner Veltliner
Neusiedlersee8195.9592012Zweigelt; Süßwein seit 2020
Leithaberg (inkl. Rust)5482.9552009Blaufränkisch; Weißburgunder, Chardonnay, Grüner Veltliner, Neuburger
Mittelburgenland2222.0262006Blaufränkisch
Eisenberg6675252010Blaufränkisch
Rosalia892282018Blaufränkisch, Zweigelt; Rosé
Südsteiermark5362.7982018Sauvignon Blanc, Morillon, Welschriesling, Muskateller u. a.
Vulkanland Steiermark9981.6572018Welschriesling, Traminer, Weißburgunder u. a.
Weststeiermark2256552018Blauer Wildbacher (Schilcher)
Wien1735882013Wiener Gemischter Satz
Bergland (Kärnten, OÖ, Salzburg, Tirol, Vorarlberg)231243–Landwein-Region, wächst (+7,7 %)

Klimawandel in Zahlen (ZAMG)

Jahresmitteltemperatur an Messstellen in Weinorten: 1961–1990 gegen 2004–2017
Messstelle1961–19902004–2017Anstieg
Illmitz (Neusiedlersee)10,9 °C11,3 °C+0,4
Neusiedl am See10,3 °C11,4 °C+1,1
Eisenstadt (Leithaberg)10,4 °C11,0 °C+0,6
Leibnitz (Südsteiermark)9,5 °C10,2 °C+0,7
Krems (Kremstal)9,6 °C10,4 °C+0,8
Wien Hohe Warte10,3 °C11,1 °C+0,8
Wörterberg (Eisenberg)––+1,3
Was das für den Weinbau heißt
  • Fast überall 0,5 bis 1,3 °C wärmer als 1961–1990, dazu mehr Sonnenstunden und mehr Niederschlag.
  • Fast überall 0,5 bis 1,3 °C wärmer, Sonnenstunden und Niederschlag nahmen fast überall zu (Langenlois wie Krems +0,6 bis 0,7 °C).
  • Wärmesummen, die Grünen Veltliner und Riesling in der Wachau einst limitierten, sind heute Standard.
  • Sonnenstunden und Niederschläge stiegen an fast allen Messstellen; Langenlois wie Krems +0,6 bis 0,7 °C.
  • Wärmesummen, die Grünen Veltliner und Riesling in der Wachau einst limitierten, sind heute Standard.
  • Dafür nehmen Frühjahrsfrost (früherer Austrieb) und Hitzestress über 35 °C zu (siehe A8).

Quiz: Regionen-Steckbriefe

5 Fragen zu Teil D, direkt auswerten.

E
Teil E

Verkostung & Qualität

E1

Rebsorten-Finder

34 Sorten mit dem, was am Tisch zählt: Farbe, Struktur, typischer Ausbau und vor allem die Aromen in Nase und Mund. Filter nach Geschmacksrichtung, wenn ein Gast sagt „irgendwas Fruchtiges, aber nicht süß“.

Was eine Rebsorte ausmacht

  • Farbe: Die Beerenhaut entscheidet, nicht das Fruchtfleisch. Fast alle Sorten haben farblosen Saft, deshalb lässt sich aus roten Trauben weißer Wein und Champagner machen (Ausnahme: Färbertrauben wie Dornfelder-Eltern).
  • Struktur: Säure, Tannin, Körper und Alkohol sind sortentypisch veranlagt und werden von Klima und Reifezeitpunkt verschoben. Sie entscheiden über Speisenbegleitung und Lagerfähigkeit.
  • Aromatik: Das Primäraroma kommt aus der Traube und ist das eigentliche Sortenmerkmal. Alles Weitere ist Keller.
  • Ausbau: Ob eine Sorte Holz verträgt, hängt an ihrer Aromaintensität. Zarte Sorten (Muskateller, Pinot Noir) werden vom Barrique überdeckt, kräftige (Chardonnay, Cabernet) brauchen es fast.
  • Reifezeit und Anfälligkeit: Früh oder spät reifend, dünn- oder dickschalig. Das bestimmt, wo eine Sorte überhaupt stehen kann (siehe A2 und A8).
Woher die Aromen kommen
  • Aus der Traube: das Sortenaroma, also Frucht, Blüten, Pfeffer, Paprika.
  • Aus der Gärung: Banane, Brot, Butter, alles was die Hefe macht.
  • Aus dem Fass und der Flasche: Vanille, Toast, später Leder, Pilz, Honig.
  • Primäraroma (Traube): Sortenmerkmal, wird durch Klima und Lese­zeitpunkt verschoben.
  • Sekundäraroma (Gärung und Ausbau): Hefearomen, Butter aus der malolaktischen Gärung, Vanille und Toast aus dem Holz.
  • Tertiäraroma (Reifung): Petrol, Leder, Pilz, Trüffel, Dörrobst.
  • Die vier wichtigsten Stoffgruppen: Terpene (Muskateller, Riesling, Traminer: Blüten und Zitrus), Methoxypyrazine (Sauvignon, Cabernet: Paprika und Gras), Thiole (Sauvignon: Passionsfrucht), Rotundon (Syrah, Grüner Veltliner: schwarzer Pfeffer).
  • Terpene (Linalool, Geraniol, Nerol, cis-Rosenoxid): liegen in der Beerenhaut frei und gebunden vor, Maischestandzeit erhöht sie deutlich. Verantwortlich für Muskat, Rose und Litschi.
  • Methoxypyrazine (IBMP): werden durch Licht abgebaut, deshalb senkt Entblätterung in der Traubenzone die Paprikanote. Sensorische Schwelle im niedrigen ng/l-Bereich.
  • Thiole (3MH, 3MHA, 4MMP): liegen als geruchlose Vorstufen vor und werden erst durch die Hefe freigesetzt, deshalb entscheidet die Hefewahl über Passionsfrucht oder nicht.
  • Rotundon: steigt in kühlen Jahren und in kühlen Lagen, rund 20 % der Menschen können es nicht wahrnehmen (Anosmie).
  • Norisoprenoide (TDN, β-Damascenon): Abbauprodukte der Carotinoide, TDN nimmt mit Sonneneinstrahlung und Flaschenalter zu, das ist der Petrolton beim Riesling.
Farbe
Aroma
Struktur

Innerhalb einer Zeile gilt oder, zwischen den Zeilen und: „Steinobst + Blüten“ zeigt alles mit mindestens einer der beiden Noten, zusammen mit „Weiß“ nur die weißen davon. Klick auf eine Karte öffnet Nase, Gaumen, Ausbau und Struktur.

E2

Systematisch verkosten: WSET, CMS, OIV

Ein Verkostungsraster zwingt zur immer gleichen Reihenfolge und zu einem festen Vokabular. Genau das macht Notizen vergleichbar, zwischen zwei Weinen, zwei Verkostern und zwei Jahren.

WSET SAT

beschreibendLevel 4
  • Ziel: den Wein beschreiben und bewerten, nicht erraten.
  • Aufbau: Appearance, Nose, Palate, Conclusions.
  • Kern: feste Skalen und ein vorgegebenes Wine-Lexicon (siehe E3), dadurch vergleichbare Notizen.
  • Abschluss: Qualitätsurteil von poor bis outstanding plus Einschätzung zur Lagerfähigkeit, jeweils mit Begründung.

CMS Deductive Tasting

deduktivBlindverkostung
  • Ziel: von der Beobachtung zur Blindbestimmung von Sorte, Herkunft und Jahrgang.
  • Aufbau: Sight, Nose, Palate (Structure und Flavour), Initial Conclusion, Final Conclusion.
  • Kern: die Initial Conclusion grenzt zuerst Klima, Sorte und Alter ein, erst dann folgt die Festlegung.
  • Typisch: Begriffe wie Rim Variation, Extract/Stain und Gas Evidence, die das WSET-Raster nicht kennt.

OIV-Bewertungsbogen

bewertendWettbewerb
  • Ziel: Weine in einem Wettbewerb punkten und prämieren.
  • Aufbau: 100-Punkte-Schema über Aussehen, Geruch, Geschmack und Harmonie, mit unterschiedlicher Gewichtung.
  • Regel: Höchstens 30 % der eingereichten Weine eines Wettbewerbs dürfen eine Auszeichnung bekommen.
  • Unterschied: Es zählt die Punktzahl, nicht die Beschreibung.

Das WSET-Raster zum Durchklicken

Jede Zeile anklicken, unten entsteht daraus eine fertige Verkostungsnotiz. Die Skalen sind die des WSET Level 4 Systematic Approach to Tasting Wine.

Weintyp
Verkostungsnotiz

Noch nichts ausgewählt.

Vorsicht bei der Süße
  • Die WSET-Skala (dry, off-dry, medium-dry, medium-sweet, sweet) beschreibt den sensorischen Eindruck.
  • Die Begriffe auf dem Etikett (trocken, halbtrocken, lieblich, süß) sind dagegen rechtlich über Gramm Restzucker definiert und berücksichtigen die Säure mit.
  • Ein Riesling mit 9 g/l Restzucker darf trocken heißen, wenn die Säure hoch genug ist, und schmeckt vielen trotzdem halbtrocken.

CMS Deductive Grid im Detail

E3

Aroma-Lexikon

Das WSET Wine-Lexicon: die Deskriptoren, die in einer Prüfungsnotiz erwartet werden, sortiert nach Primär-, Sekundär- und Tertiäraroma. Primär kommt aus der Traube, sekundär aus Gärung und Ausbau, tertiär aus der Reifung.

Herkunft
Wie man es in der Prüfung benutzt
  • Erst die Gruppe nennen (Zitrus, Steinobst, dunkle Früchte), dann ein bis zwei konkrete Beispiele.
  • Lieber wenige treffende Begriffe als eine lange Liste.
  • Erst die Gruppe, dann konkrete Deskriptoren: „schwarze Früchte, vor allem Brombeere und schwarze Johannisbeere“.
  • Reifegrad mitnennen: unreif, reif, getrocknet oder gekocht sagt mehr über Klima und Jahrgang als jede Fruchtsorte.
  • Die Liste ist ein Vorschlag, kein Pflichtvokabular: andere treffende Begriffe werden anerkannt.
  • Die Zuordnung zu primär, sekundär und tertiär ist Teil der Begründung: Wer Vanille sagt, behauptet damit neues Eichenholz, wer Petrol sagt, behauptet Flaschenreife.
  • Reifegrad der Frucht (unripe, ripe, dried, cooked) ist der stärkste Hinweis auf Klima und Jahrgang und gehört in jede Notiz.
  • Vorsicht bei Doppeldeutigkeiten: Butter kommt aus der malolaktischen Gärung, nicht aus dem Holz; Kokos aus amerikanischer Eiche, nicht aus der Frucht; Hefe und Brot aus der Autolyse, nicht aus der Gärung selbst.
E4

Struktur im Glas: Säure, Tannin, Süße, Alkohol

Aromen wechseln mit Jahrgang und Keller, die Struktur ist das, was eine Sorte zuverlässig mitbringt. Sie entscheidet über Speisenbegleitung, Lagerfähigkeit und darüber, ob ein Wein als schlank oder wuchtig gilt.

Säure nach Rebsorte

niedrigmittelhoch

Bandbreiten, keine Messwerte: Klima, Lesezeitpunkt und Säuremanagement verschieben jede Sorte innerhalb ihres Bereichs. Sangiovese traditionell hoch, modern ausgebaut deutlich tiefer. Beim Muskateller zeigt die Grafik den international üblichen, meist warm gewachsenen Muscat; der steirische Gelbe Muskateller liegt deutlich höher und wird in E1 deshalb mit hoher Säure geführt.

Tannin bei roten Sorten

niedrigmittelhoch
Tannine
  • Was: Gerbstoffe aus Schalen, Kernen, Stielen und Holz.
  • Wirkung: binden Eiweiß im Speichel, dadurch das trockene, pelzige Gefühl (Adstringenz).
  • Mit der Reife werden sie von hart und grün zu weich und samtig.
  • Was: Polyphenole aus Traube (Schalen, Kerne, Stiele) und Holzfass.
  • Wirkung: Bindung an Speichelproteine erzeugt Adstringenz, kein Geschmack, sondern ein Tastempfinden.
  • Funktion: Struktur und Rückgrat im Rotwein, dazu Farbstabilisierung über die Bindung an Anthocyane.
  • Intensität hängt an Sorte, Klima und Vinifikation; ein niedriger pH lässt Tannine feiner wirken.
  • Herkunft: Kondensierte Tannine (Proanthocyanidine) aus Schalen, Kernen und Stielen, hydrolysierbare Tannine (Ellagtannine) aus dem Eichenholz.
  • Adstringenz entsteht durch Bindung an Speichelproteine (prolinreich), ist also ein taktiler Reiz, keine Geschmacksqualität.
  • Kerntannine wirken bitterer und grüner als Schalentannine, deshalb schadet zu starkes Pressen oder Pumpen.
  • Polymerisation während der Reifung vergrößert die Moleküle, die Adstringenz nimmt ab und es fällt Depot aus.
  • Niedriger pH lässt Tannine feiner erscheinen und stabilisiert zugleich Farbe und Haltbarkeit.

Süßeskala: wo welcher Wein liegt

Vom knochentrockenen zum sehr süßen Wein
StufeTypisches BildBeispiele
KnochentrockenZitrone, MineralikAlbariño, Gavi, Chablis, Furmint, Macabeo, Assyrtiko
Trockenherzhaft, würzigVerdejo, Grüner Veltliner, Verdicchio, Colombard
Trocken (fruchtig)Apfel, AnanasChardonnay, Marsanne, Roussanne, Sémillon, Trebbiano
HalbtrockenHonigwabe, ZitroneKabinett, Spätlese, Chenin Blanc, Torrontés, Müller-Thurgau
Halbsüßtropische FruchtMoscato, Gewürztraminer
SüßZitrone und HonigSauternes, Eiswein, Auslese, Tokaji
Sehr süßFeige, Rosine, MarmeladeWhite Port, Vin Santo, Passito, Moscatel, Trockenbeerenauslese

Alkohol und pH-Wert

Die leichtesten Weintypen

  • Moscato d’Asti: 5 bis 6 % vol, Gärung wird unter Druck gestoppt
  • Riesling (deutsch, restsüß): 8 bis 8,5 % vol
  • Muscadet: 9 bis 9,5 % vol
  • Elsässer Weißweine: 9 bis 10 % vol
  • Prosecco und Asti Spumante: 10 bis 11 % vol
  • Zum Vergleich: ein warm gewachsener Zinfandel oder Amarone liegt bei 15 bis 16 % vol

pH-Werte im Wein

  • Süße Weißweine: um 3,0
  • Leichte Weißweine: um 3,1
  • Rot und Weiß allgemein: um 3,5
  • Säurearme Rotweine: 3,8 und darüber, sehr säurearme über 4,0
  • Zum Einordnen: Cola 2,5, Limonade 2,6, Kaffee 4,5 bis 5, Milch 6,7, Wasser 7
  • Je höher der pH, desto instabiler Farbe und Haltbarkeit und desto mehr SO₂ wird gebraucht
E5

Kellerarbeit und ihre Wirkung

Jede Entscheidung im Keller hat eine sensorische Folge. Wer die Paare kennt, kann aus dem Glas zurückrechnen, was im Keller passiert ist. Genau das verlangt eine Blindverkostung.

Ursache und Wirkung zuordnen

Jeder Maßnahme den passenden sensorischen Effekt zuordnen, dann prüfen.

Die wichtigsten Hebel in einem Satz
  • Temperatur steuert, wie viel Primäraroma überlebt: je kühler die Gärung, desto mehr Frucht und Gärester.
  • Sauerstoff steuert die Richtung: wenig bedeutet Frucht und Reduktionsrisiko, viel bedeutet Reife, Nuss und Oxidationsrisiko.
  • Kontaktzeit steuert die Textur: Schalen bringen Farbe und Tannin, Hefe bringt Cremigkeit, Holz bringt Würze.
E6

Qualität beurteilen: BLIC, Punkte, Medaillen

Qualität wird an vier Kriterien gemessen: Balance, Length (Abgang), Intensity (Intensität) und Complexity (Komplexität), kurz BLIC.

Zwei Lesarten derselben vier Kriterien
  • WSET: Balance, Length, Intensity, Complexity.
  • Sommelier-Praxis (CMS): Balance, Länge, Integration, Komplexität.
  • Der Unterschied liegt beim dritten Punkt: Intensität fragt, wie laut ein Wein ist, Integration fragt, wie nahtlos Alkohol, Säure, Tannin, Süße und Holz ineinandergreifen.
  • Praktisch heißt das: Ein Wein kann sehr intensiv und trotzdem schlecht integriert sein (spürbarer Alkohol, aufgesetztes Holz). Beide Fragen gehören in eine ehrliche Beurteilung.
Qualitätsstufen
StufeKriterium
FaultyDer Wein riecht oder schmeckt fehlerhaft (z. B. Kork, Oxidation)Der Wein hat einen Fehler (Korkton, Oxidation, flüchtige Säure)Sensorisch nachweisbarer Weinfehler (TCA/Kork, oxidativer Ton, übermäßige flüchtige Säure u. a.), disqualifiziert unabhängig von sonstiger Qualität
PoorFehlerfrei, aber unausgewogen, z. B. zu sauer oder zu alkoholischUnausgewogen, z. B. übermäßig sauer, alkoholisch oder tanninlastigFehlerfrei, aber mindestens eine Struktur-Komponente dominiert deutlich hörbar über die anderen (Säure, Alkohol, Tannin, Süße), Balance klar verfehlt
AcceptableAusgewogen, aber ohne besondere Länge, Intensität oder KomplexitätAusgewogen, aber ohne nennenswerte Länge, Intensität oder KomplexitätBalance gegeben, die übrigen drei BLIC-Kriterien (Length, Intensity, Complexity) liegen aber auf niedrigem, unauffälligem Niveau
GoodAusgewogen plus mittleres Niveau bei den übrigen KriterienAusgewogen plus mittleres Niveau bei den übrigen KriterienBalance gegeben, mindestens die übrigen drei BLIC-Kriterien erreichen ein mittleres (medium) Niveau, ohne dass eines davon bereits herausragt
Very GoodFehlerfrei, ausgewogen und in mindestens drei von vier Punkten richtig gutFehlerfrei, ausgewogen und mindestens drei der vier BLIC-Kriterien auf hohem NiveauFehlerfrei, Balance gegeben, zusätzlich mindestens drei der vier Kriterien (Length, Intensity, Complexity) auf hohem (high) Niveau, das vierte darf niedriger liegen
OutstandingAlle vier Kriterien auf höchstem Niveau, ein Referenzwein seines TypsAlle vier BLIC-Kriterien auf höchstem, klassischem NiveauFehlerfrei, Balance sowie alle drei übrigen Kriterien gleichzeitig auf höchstem Niveau, gilt als klassischer, referenzhafter Vertreter seines Stils

BLIC-Regler

Stufe wählen und sehen, wie Balance, Length, Intensity und Complexity beispielhaft ausschlagen (illustrativ, keine Messwerte).

FaultyPoorAcceptableGoodVery GoodOutstanding
BalanceLengthIntensityComplexity
⚠ Fehlerhaft: BLIC greift nicht, der Wein scheidet unabhängig von Balance/Länge/Intensität/Komplexität aus.

Punkte und Medaillen: wer wie bewertet

Die großen Bewertungssysteme messen dasselbe, aber auf unverträglichen Skalen. Wer Punkte auf eine Weinkarte schreibt, sollte wissen, welche.

Parker / Wine Advocate

100 Punktestartet bei 50
  • 96 bis 100: außergewöhnlich, ein Klassiker seiner Sorte
  • 90 bis 95: herausragend, mit deutlichem Charakter
  • 80 bis 89: überdurchschnittlich bis sehr gut
  • 70 bis 79: durchschnittlich, wenig Profil
  • 60 bis 69: unterdurchschnittlich, spürbare Mängel
  • 50 bis 59: inakzeptabel
  • In der Praxis beginnt die Skala faktisch bei 85, darunter wird selten publiziert.

Jancis Robinson

20 Punktebritische Schule
  • 20: wirklich außergewöhnlich
  • 19: ein Knaller
  • 18: noch über „superior“
  • 17: überdurchschnittlich
  • 16: bemerkenswert
  • 15: durchschnittlich, fehlerfrei, aber ohne Spannung
  • 14: todlangweilig
  • 13 und 12: grenzwertig bis klar fehlerhaft oder unausgewogen
  • Ein Plus markiert Entwicklungspotenzial, ein Minus einen Mangel.

OIV / Wettbewerbe

100 PunkteMedaillen
  • Bewertet wird in Kategorien: Aussehen, Geruch, Geschmack, Harmonie, jeweils gewichtet.
  • Mehrere Juroren verkosten blind, Ausreißer werden gestrichen.
  • Höchstens 30 % der eingereichten Weine dürfen eine Medaille bekommen.
  • Für die Weinkarte heißt das: Eine Medaille sagt, dass der Wein zum besten Drittel eines bestimmten Wettbewerbs gehörte, nicht mehr.
Umrechnen geht nicht
  • 90 Parker-Punkte sind nicht 18 bei Jancis Robinson. Die Skalen haben unterschiedliche Nullpunkte, Verteilungen und Verkoster.
  • Punkte sind immer das Urteil einer Person zu einem Zeitpunkt, keine Messgröße.
  • Am Tisch hilft die Herkunftsgeschichte mehr als jede Zahl (siehe F2).
E7

Food-Pairing: die Grundmechanik

  • Salz senkt die wahrgenommene Bitterkeit und Adstringenz, deshalb passt gesalzener, umamireicher Parmigiano Reggiano trotz seines hohen Umami-Gehalts gut zu jungem, tanninreichem Nebbiolo.
  • Säure im Gericht braucht mindestens ebenso viel Säure im Wein, sonst wirkt der Wein flach.
  • Fett im Gericht wird von Säure und Tannin geschnitten, deshalb funktionieren fetthaltige Speisen gut mit gerbstoffreichen Rotweinen oder knackigen Weißweinen.
  • Süße im Gericht braucht mindestens ebenso viel Süße im Wein, sonst wirkt der Wein dünn und sauer.
  • Umami (Pilze, gereifter Käse, Sojasauce) verstärkt isoliert oft Bitterkeit und Adstringenz im Wein, braucht daher Salz, Säure oder Süße als Gegengewicht.
Mineralität
  • „Mineralisch“ hat mit den Mineralien im Boden fast nichts zu tun: Mineralstoffe sind im Wein in winzigen Mengen und schmecken kaum.
  • Der Eindruck von Salz, Feuerstein oder Kreide kommt aus Säure, Reife und Gärung.
  • Unscharfer Begriff: Mineralstoffe im Wein (K, Ca, Mg u. a.) sind nur entfernt mit den Mineralen des Bodens verwandt, liegen in winzigen Konzentrationen vor und haben praktisch keinen Eigengeschmack (Parr et al. 2018).
  • Ulrich Fischer: mineralisch schmeckende Weine enthalten eher wenig Mineralien; viele Mineralien puffern die Säure und machen den Wein weicher.
  • Wer Weinsäure zusetzt, fällt Kalium als Weinstein aus: mineralärmer, aber säurepräsenter.
  • Parr et al. 2018 („Minerality in Wine: Towards the Reality behind the Myths“): wahrgenommene Mineralität korreliert nicht mit dem Mineralstoffgehalt, sondern mit organischen Verbindungen aus Traubenreife, Gärung und Redoxstatus (reduktive Schwefelverbindungen, Säurestruktur, geringe Frucht).
  • Süße, Bitterkeit und Umami stammen aus organischen Molekülen, die in Gesteinsmineralen nicht vorkommen.
  • Fischers Praxisbeobachtung: Kationen wie Kalium puffern die Säure, mineralstoffreiche Weine wirken weicher; Säuerung senkt über Weinsteinausfall den Kaliumgehalt.
  • Für die Weinkarte: „mineralisch“ als Stilbeschreibung (straff, salzig, reduktiv) ist legitim, als Bodenerklärung ein Mythos.
E8

Weinfehler erkennen: was zurückgeht und was nicht

Ein Gast reklamiert selten zu Unrecht, aber oft mit der falschen Diagnose. Wer die sieben häufigsten Fehltöne kennt, entscheidet in Sekunden, ob die Flasche getauscht wird.

Korkton (TCA)

Riecht/schmeckt nach: Nasser Karton, muffiger Keller, Frucht wie ausgelöscht

Ursache: 2,4,6-Trichloranisol aus Kork oder Kellerholz, Schwelle ab 2 bis 4 ng/l; betrifft 2 bis 5 % der Naturkorken

Reklamation? Ja, immer tauschen; bei Schraubverschluss praktisch ausgeschlossen

Oxidation

Riecht/schmeckt nach: Bratapfel, Sherry, Nuss, Farbe braun; bei Weiß „firn“

Ursache: Zu viel Sauerstoff: undichter Verschluss, zu lange offen, zu alt

Reklamation? Ja, wenn der Stil nicht oxidativ gemeint ist (Vin Jaune, Sherry, Madeira sind es)

Böckser (Reduktion)

Riecht/schmeckt nach: Faules Ei, Streichholz, Zwiebel, Gummi

Ursache: Schwefelwasserstoff und Mercaptane aus Hefe-Stickstoffmangel oder sehr reduktivem Ausbau

Reklamation? Kommt drauf an: leichter Böckser verfliegt beim Dekantieren oder mit einer Kupfermünze; hartnäckig: tauschen

Flüchtige Säure (Essigstich)

Riecht/schmeckt nach: Essig, Nagellack (Ethylacetat)

Ursache: Essigsäurebakterien bei Luftzutritt; ab rund 0,8 g/l störend, gesetzlich max. 1,2 g/l (Weiß) bis 1,5 g/l (Rot; Süßwein höher)

Reklamation? Ja bei deutlichem Stich; kleine Mengen gehören zu Amarone oder Süßwein

Brettanomyces

Riecht/schmeckt nach: Pferdesattel, Stall, Pflaster, Rauch

Ursache: Verderbhefe im Holzfass, bildet 4-Ethylphenol; begünstigt durch wenig SO₂ und hohen pH

Reklamation? Geschmackssache: in kleiner Dosis „Terroir“ (Rhône, Bordeaux), dominant ein Fehler

Mäuseln

Riecht/schmeckt nach: Mäusekäfig, Popcorn, Wurstwasser, erst im Abgang

Ursache: Brett und Milchsäurebakterien, typisch bei Naturwein ohne Schwefel; erst beim Ausatmen wahrnehmbar, pH-abhängig

Reklamation? Ja, wenn deutlich; viele Menschen riechen es nicht

Untypischer Alterston (UTA)

Riecht/schmeckt nach: Mottenkugel, nasses Handtuch, Akazienblüte; Frucht fehlt

Ursache: 2-Aminoacetophenon aus Stress der Rebe (Trockenheit, Stickstoffmangel), vor allem bei deutschem Weißwein

Reklamation? Ja, klassischer Weinfehler seit den 1990ern

Weinstein, Depot, Sediment

Riecht/schmeckt nach: Kristalle im Glas, Bodensatz bei Rotwein

Ursache: Kaliumtartrat fällt bei Kälte aus; Farb- und Gerbstoffe bei gereiftem Rotwein

Reklamation? Nein, kein Fehler; dekantieren oder erklären
Praxis
  • Flasche probieren, nicht diskutieren. Ein echter Fehler wird sofort ersetzt.
  • Ein „gefällt mir nicht“ ist keine Reklamation, aber eine Chance für eine bessere Empfehlung.
  • Schnellster Test: Korkton nimmt mit der Zeit im Glas zu, Böckser und Reduktion nehmen ab.

Wie der Keller Fehler verhindert

1
Gesunde Trauben
Fäulnis und Verletzungen bringen Essigsäurebakterien und Verderbhefen gleich mit in den Keller
2
Hygiene
Fässer, Schläuche, Pumpen: Brettanomyces überlebt im Holz und in Ritzen
3
Kontrollierte Gärung
Temperatur und Hefenährstoffe steuern, sonst drohen Böckser und Gärstockungen
4
Sorgfältige Lagerung
Volle Gebinde, dichte Verschlüsse, kühl und dunkel gegen Oxidation
5
SO₂-Management
Freie schweflige Säure regelmäßig messen; hoher pH verlangt mehr SO₂ für dieselbe Wirkung

Quiz: Rebsorten, Verkostung & Qualität

10 Fragen zu Teil E, direkt auswerten.

F
Teil F

Für den Service

F1

Lagerung & Ausschank

Ausschanktemperaturen als Orientierung
WeintypTemperatur
Schaumwein6–8 °C
Leichter, aromatischer Weißwein8–10 °C
Vollmundiger, ausgebauter Weißwein10–13 °C
Leichter, fruchtbetonter Rotwein13–16 °C
Kräftiger, tanninreicher Rotwein16–18 °C
Süßwein & Fortified8–12 °C

Ausschank-Thermometer

Regler auf die Flaschentemperatur stellen und sehen, welcher Weintyp passt (Bereiche überschneiden sich bewusst).

12 °CServiertemperatur

Dekantieren: zwei Gründe, zwei Techniken

  • Junge, tanninreiche Weine: Belüftung öffnet die Aromatik und rundet die Tannine ab; gern 1 bis 2 Stunden in der Karaffe.
  • Gereifte Weine mit Depot: reine Trennung vom Bodensatz; kurzes, vorsichtiges Umgießen reicht, lange Belüftung schadet eher.

Verschlüsse

Naturkork
Atmet minimal, Korktonrisiko 2 bis 5 %, Standard für Lagerweine und Prestige
DIAM (technisch)
Korkgranulat, TCA per CO₂-Extraktion entfernt, definierte Sauerstoffdurchlässigkeit (DIAM 5, 10, 30 Jahre)
Schraubverschluss
Kein Korkton, Reduktionsrisiko bei falscher Einlage; Standard in Österreich, Neuseeland, Australien
Glas (Vinolok), Kronkorken
Glas dicht und edel, Kronkorken für Pét-Nat und Flaschengärung vor dem Dégorgement

Flaschengrößen

0,375 l
Halbe, Demi; reift schneller
0,75 l
Standard; 1 l in Österreich als Doppler-Ersatz beim Schankwein, 2 l Doppler
1,5 l
Magnum, ideales Verhältnis Luft zu Wein, reift langsamer und gleichmäßiger
3 l und mehr
Jeroboam (3 l, in Bordeaux 4,5 l), Rehoboam 4,5, Methusalem 6, Salmanazar 9, Balthazar 12, Nebukadnezar 15 l
F2

Weinkarte & Gästegespräch

Die Herkunftsgeschichte ist das stärkste Verkaufsargument, das eine Weinkarte hat, und sie kostet nichts: ein Satz zu Boden, Klima oder Handwerk erklärt in Sekunden, warum ein Wein so schmeckt und so kostet, wie er es tut.

  • „Vulkanischer Boden auf Santorini, deshalb diese Salzigkeit“
  • „Kordon-erzogene, 40 Jahre alte Zinfandel-Reben in Dry Creek Valley“
  • Beides sagt einem Gast mehr als jede Punktzahl.
Warum das für Österreich besonders zählt (Zahlen in D3)
  • 58 % des gesamten Weinkonsums laufen über Gastronomie und Events.
  • Im Gastro-Großhandel sind 87,5 % der Menge österreichisch, fast zwei Drittel davon weiß.
  • Durchschnittspreis 5,56 Euro, 87,5 % der Menge unter 10 Euro.
  • Einzige wachsende Importnische: billiger Schank- und Spritzerwein in 2-l-PET, genau dort setzt Herkunftsmarketing für den Hauswein an.

Dreischritt für die eigene Vorbereitung

  • 1. Herkunft: Klima und Boden (Teil A und D)
  • 2. Handwerk: Ausbaustil (Teil B)
  • 3. Einordnung: Klassifikation (Teil C) und Qualitätskriterium (Teil E)

Wer diese drei Ebenen für die eigenen Listenweine einmal notiert, kann jede Gästefrage souverän beantworten, ohne auswendig gelernte Verkostungsnotizen.

F3

Trends im Glas

Was gerade die Nachfrage verschiebt, und was davon auf der Karte wirklich ankommt.

Alkoholfreier Wein

wächst
  • Herstellung: fertiger Wein wird entalkoholisiert, meist per Vakuumdestillation oder Umkehrosmose.
  • Problem: Alkohol ist Geschmacksträger und Körper. Fällt er weg, bleiben Säure und Süße übrig, der Wein wirkt dünn und wird oft nachgesüßt.
  • Was funktioniert: aromatische Sorten (Muskateller, Riesling) und Schaumwein, weil Kohlensäure den fehlenden Körper ausgleicht.
  • Recht: „alkoholfrei“ bis 0,5 % vol, „entalkoholisiert“ unter 0,5 %, „alkoholreduziert“ darüber.

PIWI-Sorten

Nachhaltigkeit
  • Was: pilzwiderstandsfähige Neuzüchtungen, meist mit Wildreben eingekreuzt.
  • Nutzen: bis zu 80 % weniger Spritzungen, dadurch weniger Kupfer, weniger Diesel, weniger Bodenverdichtung.
  • Namen: Souvignier Gris, Muscaris, Donauriesling, Blütenmuskateller, Regent, Cabernet Blanc.
  • Hürde: der Name verkauft nicht. Auf der Karte funktionieren sie über die Geschichte, nicht über die Sorte (siehe A9).

Naturwein, Amphore, Orange

Nische mit Wirkung
  • Prinzip: Spontangärung, keine oder minimale Schwefelgabe, keine Schönung, keine Filtration.
  • Rechtlich ist „Naturwein“ kein geschützter Begriff; es gibt private Verbände mit eigenen Regeln.
  • Sensorisch breiter Korridor: von präzise und lebendig bis Mäuseln und flüchtige Säure (siehe E8).
  • Service: Flasche vor dem Gast schütteln oder nicht, Trübung ankündigen, kühler servieren und früh öffnen.

Neue Verpackungen

CO₂-Bilanz
  • Leichtglas: der größte Hebel. Die Flasche ist typischerweise der größte Einzelposten im CO₂-Fußabdruck einer Flasche Wein.
  • Dose: Einzelportion, schnell gekühlt, gut für Events und Außenbereiche.
  • Bag-in-Box: hält nach dem Öffnen Wochen, ideal für offenen Ausschank und Spritzer.
  • Grenze: Alle drei sind nicht für Lagerweine gedacht, sondern für jungen, frischen Konsum.
Anhang

Glossar

Véraison
Der Moment, in dem die Trauben Farbe bekommen und weich werdenFarbumschlag und Weichwerden der Beeren, Beginn der eigentlichen ReifephaseFarbumschlag und Weichwerden der Beeren, Stoffwechsel kippt von Zellteilung auf Zucker-/Aromaeinlagerung, Xylem beginnt zu verkorken
Chaptalisation
Zucker wird vor/während der Gärung zugegeben, um mehr Alkohol zu erzeugenZuckerzugabe vor/während der Gärung zur Erhöhung des AlkoholgehaltsZuckerzugabe vor/während der Gärung zur Erhöhung des potenziellen Alkoholgehalts, in kühlen Regionen bei unterreifem Lesegut erlaubt, in warmen Regionen meist verboten
Malolaktische Gärung
Bakterien wandeln scharfe Apfelsäure in weichere Milchsäure umBakterielle Umwandlung von Apfel- in Milchsäure, macht Weine weicherMilchsäurebakterien wandeln die schärfere Apfelsäure in weichere Milchsäure um, bei Rotweinen fast immer erwünscht, bei frischen Weißweinen oft bewusst unterdrückt
Terroir
Das Zusammenspiel aus Boden, Klima, Lage und Mensch, das einen Wein typisch für seinen Ort machtZusammenspiel von Boden, Klima, Lage und Mensch, das einen Wein ortstypisch machtZusammenspiel von Boden, Mesoklima, Topografie und menschlicher Bewirtschaftungstradition, das einem Wein einen wiedererkennbaren, ortsgebundenen Charakter verleiht
Lieu-dit
Ein benannter Weinberg innerhalb einer Appellation, ohne eigenen RechtsrangBenannte Einzellage innerhalb einer Appellation, ohne eigene RechtsstufeAmtlich erfasste, benannte Parzelle innerhalb einer Appellation, die auf dem Etikett zur genauen Herkunftsangabe genutzt werden darf, ohne selbst eine eigene Qualitätsstufe zu begründen
Climat
Burgunder Wort für eine genau abgegrenzte Einzellage mit eigenem CharakterBurgundischer Begriff für eine exakt abgegrenzte Einzellage mit eigenem Terroir-CharakterBurgundischer Begriff für eine historisch und amtlich exakt abgegrenzte Einzellage mit eigenem, dokumentiertem Terroir-Charakter, seit 2015 UNESCO-Welterbe als Kulturlandschaft
BLIC
Die vier WSET-Qualitätskriterien: Balance, Abgang, Intensität, KomplexitätBalance, Length, Intensity, Complexity, die vier WSET-QualitätskriterienBalance, Length, Intensity, Complexity, die vier WSET-Kriterien zur Qualitätsbeurteilung, siehe E6 für die Stufenlogik
Millerandage
Mischung aus normalen und ganz kleinen, kernlosen Beeren nach kalter, nasser BlüteMischung aus normal- und kleinbeerigen, kernlosen Trauben nach kalter, nasser BlütePhysiologische Störung durch unvollständige Befruchtung, führt zu ungleicher Beerengröße und damit ungleichmäßiger Reife innerhalb derselben Traube
Coulure (Verrieselung)
Blüten fallen ab, ohne Frucht anzusetzen, meist wegen schlechtem WetterBlütenabwurf ohne Fruchtansatz, meist durch schlechtes BlühwetterBlütenabwurf ohne Fruchtansatz durch kalte, nasse oder nährstoffarme Bedingungen während der Blüte, Ergebnis sind lockere Trauben mit reduzierter Beerenzahl
Süssreserve
Unvergorener Traubensaft, mit dem ein fertiger Wein nachgesüßt wirdSteriler, unvergorener Traubensaft zur Nachsüßung eines fertigen WeinsSteriler, unvergorener Traubensaft, der einem bereits durchgegorenen trockenen Wein vor der Füllung zugesetzt wird, klassisches Werkzeug für halbtrockene/liebliche deutsche Weine, ohne die Gärung selbst unterbrechen zu müssen
Estate Bottled
US-Begriff: eigene Trauben, vor Ort im selben Gebiet gekeltert und abgefülltUS-Bezeichnung: eigene Trauben aus derselben AVA, vor Ort vinifiziert und abgefülltUS-Bezeichnung: sämtliche Trauben aus Flächen, die der Winzer besitzt oder bewirtschaftet, innerhalb der genannten AVA, Vinifikation und Abfüllung am selben Ort
PIWI
Pilzwiderstandsfähige neue Rebsorte, braucht weniger PflanzenschutzPilzwiderstandsfähige Rebsorten-Neuzüchtung, senkt den Bedarf an Kupfer/SchwefelPilzwiderstandsfähige Rebsorten-Neuzüchtung (meist Kreuzung mit resistenten Wildreben), senkt den Bedarf an Kupfer/Schwefel gegen Peronospora/Oidium deutlich, macht aber erst rund 3 % der deutschen Rebfläche aus
Permanenter Welkepunkt
Der Punkt, ab dem der Boden kein für die Rebe nutzbares Wasser mehr hatBodenwassergehalt, ab dem die Rebe nur noch nicht nutzbares Totwasser vorfindetBodenwassergehalt, unterhalb dessen die Rebe nur noch fest gebundenes, nicht nutzbares Totwasser vorfindet, die Differenz zur Feldkapazität ist die nutzbare Feldkapazität

Quiz: Für den Service

6 Fragen zu Teil F, direkt auswerten.